| Auszüge aus einem Interview mit Lipkhan
Basajewa Mitarbeiterin der Menschenrechtsorganisation Memorial und Vorsitzende der Frauenorganisation "Frauenwürde“ in Grozny. (gesendet in Radio Lora am 6.4.2004) Der nach wie vor in aller Heftigkeit stattfindende Krieg in Tschetschenien taucht in den westlichen Medien nur noch vereinzelt auf. Der russische Präsident Putin ist ein wackerer Mitstreiter im Kampf gegen den Terror und über den blutigen Krieg in Tschetschenien wird gerne hinweggesehen. Was hierzulande völlig unter den Tisch fällt sind die Versuche der Bevölkerung, ihr Leben zu fristen. Dazu befragten wir Lipkhan Basajewa. Frau Basajewa, wie ist derzeitig die Lage der Zivilbevölkerung in Tschetschenien, insbesondere die der Frauen? "Man muss natürlich zuerst sagen, dass sich die tschetschenischen Frauen in den letzten 10 Jahren mitten im Krieg befinden. Die tschetschenische Frau war immer aktives Mitglied der Familie. In den letzten Jahren des Krieges waren die Belastungen kolossal und heute ist die Situation so, dass die tschetschenische Frau bemüht ist, sich über die Runden zu bringen, natürlich auch die Familie. Sie kümmert sich um die Familie, ist oft Ernährerin und Beschützerin und setzt sich auch für die Verwandten und ihre nächsten Angehörigen ein. Sie bringen eine unheimlichen Heroismus zutage und man muss das wirklich so sehen. Und das sehen wir jeden Tag.“ Es gibt ja keine offiziellen Statistiken oder Zahlen, aber wie hoch ist der Anteil der Frauen, die jetzt in Tschetschenien verwitwet sind und insofern die Familie alleine durchbringen müssen? "Mindestens jede zweite Frau in Tschetschenien ist verwitwet. Und es gibt kein staatliches Programm der Unterstützung. Diese Frauen und ihre Familien befinden sich nahezu einer völligen Armut. Die Propaganda spricht von der Wiederaufrichtung des Landes, aber sie übergeht mit Schweigen deren Situation.“ Wovon leben diese Frauen und- was ja bekannt ist, haben tschetschenische Frauen oftmals mehr als 4, 6 Kinder. Womit finanzieren sie ihr Leben? "Diese Familien befinden sich wirklich auf dem Niveau der vollkommenen Mittellosigkeit. Mir ist z. B. ein Fall bekannt – ich arbeite ja bei Memorial, der Menschenrechtsorganisation- von einer Frau, die zu uns kam. Sie ist eine Flüchtlingsfrau, die in Inguschetien wohnt, und wir haben das Haus dieser Frau besucht. Wir haben sie gesehen mit ihren sechs Kindern, sie selber war sehr schwach und krank. Nicht alle Kinder konnten die Schule besuchen, weil sie nur ein Paar Winterstiefel hatten. So war die Situation, dass wenn einer in die Schule ging mit diesen Stiefeln, dann mussten die anderen warten, bis er zurück kam, dass der nächste mit diesen Stiefeln rausgehen konnte. Die Frauen arbeiten sehr schwer. Z.B. versuchen sie, ganz kleine Flecke Land, so eine Art Grundstück, was man aber nicht als solches bezeichnen kann, zu bearbeiten. Wenn sie die Möglichkeit haben, halten sie eine Kuh, so versuchen sie mit dieser Kuhhaltung ihre Kinder durchzubringen. Sie sind einverstanden mit jeder physisch schweren Arbeit für einen ganz geringen Lohn. Viele Flüchtlingsfrauen in Inguschetien nehmen solche Arbeiten an. Im Frühjahr gehen die tschetschenischen Frauen in den Wald und versuchen dort, natürlichen Knoblauch (Bärlauch) zu sammeln und ihn in den angrenzenden Republiken zu verkaufen. Das ist eine sehr schwere Arbeit, weil dieser natürliche Knoblauch unter dem Schnee gesammelt wird. Das Fürchterliche dabei ist nicht die schwere Arbeit der Ernte, sondern diese Frauen stoßen beim Sammeln auf Minen.“ Man hörte vor kurzem in einem Bericht, dass Tschetschenien als das am meist verminte Land auf der ganzen Welt gilt. Es sind offizielle Zahlen genannt worden von etwa 500.000 Minen, die in der Erde Tschetscheniens vergraben sind bzw. auch in verlassenen Häusern hinterlegt wurden. Was macht die offizielle Regierung an Programmen dagegen? Werden diese Minen entsorgt, ist eine Entminung in Planung und was passiert mit den Menschen, die Opfer von Minenunfällen wurden? "Von einem Programm haben wir überhaupt noch nie etwas gehört. Die Minen liegen nach wie vor auf den Feldern, auf den Wegen und es gibt überhaupt keine Anzeichen von Entminung. Von entminten Gebieten ist mir auch nichts bekannt. Es werden gar keine Arbeiten zur Entminung durchgeführt. Das einzige, von dem ich weiß, dass diese Organisationen, die dort tätig sind, den Kindern gewisse Auskünfte erteilen, wo Minen liegen und wie man sich aus Sicherheitsgründen verhält. Man gibt Informationen, welche Gebiete und Plätze vermint sind. Die, die sich damit befassen, sind gesellschaftliche Organisationen, die das in die Hand nehmen. Aber das allein ist keine Lösung des Problems. Und da ist natürlich noch das Problem, dass in unserer Republik die Militärstreitkräfte weiterhin unterwegs sind, die sich natürlich weiterhin mit dem Minenlegen befassen und dadurch sich die Gefahr für die Zivilbevölkerung weiter erhöht. Die Kinder sammeln oft diese weggeschmissenen Gegenstände und oft explodieren sie dann. Viele wurden dadurch schwer verletzt. In Grozny gibt es ein Zentrum, welches sich gerade mit diesen jugendlichen Minenopfern beschäftigt. Der Name dieser Organisation ist „Spasiom bokolenie“, was soviel heißt wie „Lasst uns diese Generation retten“. Vor kurzem hat man in dieses Zentrum ein vier Jahre altes Kind gebracht. Folgendes ist mit ihm passiert: die Soldaten sind mit dem Lastwagen vorbeigefahren, dort, wo das Kind spielte, und haben irgendeinen weißen Gegenstand heruntergeschmissen. Das Kind hat das natürlich aufgehoben und das war der Rest des Zünders einer Granate. Der explodierte in seinen Händen und das Kind hat dadurch seine Finger verloren. Und solche Beispiele haben wir in Tschetschenien jeden Tag. Da wir das immer wieder sehen, wollen wir einen Aufruf an die Weltorganisationen machen, wir fordern diese Organisationen auf, in Tschetschenien anwesend zu sein. Und nicht einfach wegzugehen und sich wegzudrehen. Aber mir scheint es so, dass die Zeit endlich gekommen ist, dass die europäischen Politiker die moralische Pflicht haben, dort einzugreifen.“ (...)
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