Hintergrundinfos und Berichte
    

Schliessung des letzten Flüchltingslagers

Nach einem Bericht der Menschenrechtsorganisation Memorial vom 14.06.2004


Flüchtlinge aus Inguschetien wurden nach Tschetschenien zurücktransportiert. Der Kampf ums Überleben setzt sich unter dem 
Schweigen der Öffentlichkeit fort.

Anlässlich der Schließung des letzten Zeltlagers in Inguschetien fanden auf dem Platz, wo sich zuvor das Zeltlager ?Zazita? befand, offizielle Feierlichkeiten statt. Vertreter der Menschenrechtsorganisation Memorial haben an diesen Feierlichkeiten teilgenommen und interviewten den Leiter der Abteilung für Migration des Innenministeriums der russischen Föderation, Asu Dudarkaev. Bezüglich der Frage über neue zeitlich begrenzte Aufenthaltszentren in Tschetschenien erklärte Dudarkaev, dass 
in dem zerstörten Dorf namens Bamut eine komfortable, zusammenliegende Siedlung für jene Flüchtlinge organisiert wurde, die sich entschieden haben, in den tschetschenischen Bezirk Achkhoi-Martan zurückzukehren. 

Diesen Familien wären dort Sperrholz-Häuser zugewiesen worden, alle Verwaltungsgebäude von ?Zazita? wie das Badehaus, die Schule und die Moschee wären dort hingeschafft worden. Der Leiter des tschetschenischen Migrationsdienstes versicherte Memorial, dass es keine Wohnzelte in Bamut geben werde; Zelte werden nur für Lagerungszwecke benutzt werden, sollten die Familien das in Anspruch nehmen.

Am 12. Juni besuchten Vertreter von Memorial das Dorf Bamut. Auf dem Platz einer völlig dem Erdboden gleichgemachten Siedlung entdeckten wir zwei Zeltlager ? 20 Zelte in Bamut selbst und 9 Zelte in der Siedlung Bamut 1. Nur Männer leben in diesen Zelten, da die Bedingungen dort für Kinder und Frauen völlig ungeeignet sind. Es gibt keine Elektrizität, Gas oder Wasser, die nächste bewohnte Siedlung, wo man Lebensmittel kaufen und medizinische Hilfe erhalten kann ? Assinovskaja und Achkhoj-Martan ? befinden sich 8 bzw. 10 km von Bamut entfernt. 

Die Zelte sind undicht bei Regen, es gibt keine Heizmöglichkeit; die Zelte sind nicht ausgestattet mit Öfen. Überdies ist das Sammeln von Brennholz gefährlich ? der nahe gelegene Wald wurde während der Militäraktionen im Jahr 2000-2001 vermint. Solch ein isoliertes Gebiet ist außerdem sehr 
unsicher. So geschah es am 10. Juni, dass das Dorf in eine Zone von Artilleriefeuer gelangte. Ein Ergebnis davon war, dass einem Dorfbewohner seine gesamte Heuernte verbrannte, welche er für den Winter vorbereitet hatte.

Laut den Anwohnern wurde am 27. März auf Initiative des Leiters der örtlichen Regierung in Bamut eine Versammlung organisiert. Während des Treffens wurde den Dorfbewohnern, wovon die meisten zu dem Zeitpunkt noch Flüchtlinge in Inguschetien waren, vorgeschlagen, nach Tschetschenien zurückzukehren. Es wurde ihnen Elektrifizierung und Gasanschlüsse für ihre Siedlungen versprochen, reparierte Straßen, Entschädigung für die zerstörten Häuser und zeitlich begrenzte Unterstützung für die Zeit der Rekonstruktionsarbeiten. Solch eine Perspektive sah für viele der Familien verlockend aus, die vom Flüchtlingsleben in Inguschetien erschöpft waren.

Im Mai 2004, als die ersten Familien nach Bamut zurückkehrten, wurden ihnen verpackte Zelte ausgeteilt, welche ihnen angeboten wurden, um sie in den Ruinen aufzuschlagen. Das war das Ende der staatlichen Unterstützung für die Bewohner Bamuts.

Jetzt, wo die Zeltcamps in Inguschetien geschlossen wurden, verschwinden die Probleme der zur Rückkehr gezwungenen Flüchtlinge aus den Augen von unabhängigen Beobachtern und der Medien.

Im Kampf ums Überleben unter den rauhen Bedingungen des tschetschenischen Hochlands werden so die Menschen nun ihrem Schicksal überlassen.

(Übersetzung aus dem Englischen)

 

 

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© G. Braun, Interkulturelles Forum e.V., 2002