Nachrichten aus Tschetschenien
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Interview mit der tschetschenischen Journalistin Mainat Abdulajewa vom 16.2.05 Anfang Februar fand wie jedes Jahr die Nato-Sicherheitskonferenz in München statt. Wie jedes Jahr gab es zahlreiche Gegenveranstaltungen und Diskussionsforen. Tschetschenien war auch dieses Jahr wieder Thema der Auseinandersetzung in der Friedensbewegung. Mainat Abdulajewa, Journalistin aus Grozny und derzeitig Stipendiatin des P.E.N- Clubs, die u.a. für die russische Zeitung „Nowaja Gaseta“ schreibt, erklärte sich bereit, auf einer Veranstaltung über die Lage in Tschetschenien zu sprechen. Wir hatten anschließend die Möglichkeit, Mainat Abdulajewa für ein Interview zu gewinnen. Frage: Wie war es möglich, in Grozny als Journalistin zu arbeiten und zu leben? M.A.: Schon seit dem Ende des 2. Weltkriegs herrscht in Tschetschenien eine sehr strenge Zensur. Die Arbeit von unabhängigen Journalisten war dort immer im Blickfeld der Ereignisse. Tschetschenien und insbesondere Grozny ist außerdem ein sehr kleines Territorium. Es sind einige Sicherheitsvorkehrungen zu berücksichtigen. Man muss sich natürlich die Frage stellen, für was man das macht und welche Resultate es bringen soll. Frage: Hast du selbst Journalismus studiert? M.A.: Ich bin sozusagen in der Praxis in diese Arbeit hineingewachsen. Mein Studium beendete ich mit dem Diplom für Journalistik an der Universität in Grozny. Aber was an der Universität gelehrt wird, kann man so in der Praxis gar nicht umsetzen, v.a. auf dem militärischen Gebiet und was man dort täglich erlebt. Frage: Es ist ja jetzt das erste Mal, dass du außerhalb Tschetscheniens lebst, also auch außerhalb dieses permanenten Kriegszustands, in dem du gearbeitet und gelebt hast. Wie kommst du nun mit dieser Situation zurecht und auch deine kleine, dreijährige Tochter? M.A.: Als ich vor drei Monaten nach Deutschland kam, habe ich mir als erstes die Frage gestellt, ob ich in dieser friedlichen Situation überhaupt arbeiten kann. Nach dieser bereits erneuten fünf Jahre langen Kriegszeit. Als ich zum ersten Mal in meiner deutschen Wohnung diese Stille wahrnahm, die mich umgab, hatte dies schon fast etwas furchterregendes. Was meine kleine dreijährige Tochter angeht, kann ich sagen, sie hat sich noch überhaupt nicht daran gewöhnt, ohne Krieg zu leben und weiß nicht, ob sie das überhaupt noch tun wird. Sie erinnert sich ja ständig daran, was rund um diesen Krieg passiert ist. Wie bei jedem kleinen Kind hat sie nicht die Wahrnehmung der Distanz. Sie versteht also nicht, dass Tschetschenien von hier aus Tausende von Kilometern entfernt liegt. Wenn sie z.B. auf der Straße einen deutschen Polizisten sieht, denkt sie, es ist die Miliz von Tschetschenien. V.a. wenn sie Menschen in diesen Tarnhosen, dem sog. Camouflage-Muster sieht, meint sie es sind russische Soldaten und versteckt sich hinter meinem Rücken. Frage: Was meinst du mit dieser Stille in der Wohnung? M.A.: Damit es für die Leser verständlicher ist: du hast ständig Gedanken an diese Zerstörung dort, der Krieg hat einen gewissen Lärm. Deine menschliche Situation ist in gewisser Weise abgehoben, sie ist wie taub in dieser Situation. Ich hatte zu Beginn zwei Wünsche gehabt, als ich hierher kam: der erste, Ruhe zu finden und sich irgendwie zurückziehen können darin. Der zweite Wunsch: endlich einmal ausschlafen zu können. Das Leben in Tschetschenien ist überhaupt nicht dazu geeignet, einen richtigen Schlaf zu finden. Die Nacht dort beginnt mit dem Sonnenuntergang. Um drei bzw. vier Uhr morgens ist sie vorbei. Dann lebt die Bevölkerung in Tschetschenien in der Erwartung, dass irgendwelche Militärs in das Haus eindringen und irgendjemanden verschleppen. Frage: Putin hat ja erst im Dezember letzten Jahres auf seinem Deutschlandbesuch wieder gesagt, der Krieg sei seit 3 Jahren vorbei. Ist es jedoch nicht so, dass nach wie vor in Tschetschenien massenweise die Menschen verschleppt werden und von wem? M.A.: Putin sagte bereits sehr oft, dass der Krieg in Tschetschenien beendet sei. Es gibt ein orientalisches Sprichwort: Wenn du von der Halwa (Süßspeise) sprichst und wenn du sie auch in den Mund nimmst - süßer wird sie deshalb nicht. Die Wahrheit ist, dass der Krieg nicht beendet ist. Aber er nimmt jeden Tag verschiedenen Wendungen. Jeden Tag werden v.a. die Gebirgsregionen bombardiert. Wenn jede Nacht Leute gekidnappt werden, wenn jeden Tag auf der Straße Leute umgebracht werden, wenn jeden Tag örtliche Gefechte stattfinden sowohl in der Gebirgsregion als auch in der Ebene - was ist das dann? Ist das Krieg oder etwas anderes? Was das Kidnapping der Menschen anbetrifft, kann ich ihnen ein Beispiel nennen. Der letzte Vorfall, der mir bekannt ist, ist mit meinem Verwandten passiert. Ein 40-jähriger Wissenschaftler. Er wurde am 12. Februar d.J. verschleppt aus seinem Haus heraus in einem dieser Vorgebiete von Grozny. Sie sind mit einem BTR-Jeep und 2 - 3 Personen gekommen. Sie haben ihn verschleppt an einen unbekannten Ort. Nach zwei Tagen wurde er aus einem Fahrzeug in der Umgebung von Grozny wieder hinausgeworfen. Dort hat man ihn gefunden. Es gab kein Körperteil, an dem nicht die Folgen von Folterungen zu sehen waren. Er hatte aber trotzdem Glück im Unglück: weil er noch lebt. Nach diesen Kidnapping-Aktionen findet man in der Regel nur mehr die Leiche oder gar nichts mehr. Sie sind einfach wie vom Erdboden verschluckt. Frage: Vor kurzem wurden acht Verwandte von dem tschetschenischen Präsidenten Mashadow entführt. Bis heute gibt es kein Lebenszeichen mehr von ihnen. Beide Seiten - sowohl die russischen Militärs als auch die Truppen von Ramsan Kadyrow , die praktisch die Handlangerdienste für Russland übernommen haben, streiten ab, etwas damit zu tun zu haben. M.A.: Die einzige „Schuld“, die diese Leute haben ist, dass sie verwandt mit Mashadow sind. Welche Schuld können diese 60- bis 70-jährigen Leute denn auf sich genommen haben? Unter ihnen sind z.B. die Geschwister Mashadows und einige entfernte Verwandte. Sie haben ihn alle schon lange nicht mehr gesehen. Die Entführungen dieser Verwandten sind ein Versuch, damit Forderungen irgendeiner Art aufzustellen und ihn zur Aufgabe zu zwingen. Frage: Man kann also von einer Art Sippenhaft sprechen? M.A.: Für Tschetschenien ist dies nicht der erste Fall, dass man Angehörige entführt, um sie so zu zwingen, den Widerstand zu brechen. Dafür gibt es viele andere Beispiele zu erzählen. Ich kenne z.B. die Familie eines jungen Mannes, der in den Reihen des tschetschenischen Widerstands war und verwundet nach Hause kam. Die russischen Streitkräfte bekamen davon Wind und entführten daraufhin seinen Bruder. Sie stellten dem Vater das Ultimatum, entweder er gibt ihnen den Widerstandskämpfer heraus oder sie ermorden den älteren Bruder. Ich war Zeugin, dass der Vater seinen jüngeren Sohn zu sich nahm und sie zusammen zur russischen Kommandatur gingen. Dieser junge Mann hat sich dort den Streitkräften übergeben, damit sein älterer Bruder befreit wird. Solche Vorfälle geschehen oft in Tschetschenien. Fragen: Und wer ist dafür verantwortlich? Es gibt ja auch hier Stimmen von manchen Politikern - ich erinnere mich an eine Veranstaltung mit Gernot Erler von der SPD, der faktisch die rechte Hand von Kanzler Schröder ist - die auf die Frage Tschetschenien antworten, das sei nun ein innertschetschenisches Problem. Damit versuchen sie natürlich manche Politiker aus der Verantwortung zu ziehen. Wie sieht denn aber faktisch die Lage tatsächlich aus? M.A.: Es ist kein innere Angelegenheit Tschetscheniens und auch nicht Russlands. Ich möchte betonen: dieser Krieg ist eine innere Angelegenheit Europas geworden. Dies ist der einzige Krieg, der z. Zt. in Europa geführt wird. Man kann nicht sagen, dass das, was in Tschetschenien passiert, interne Schwierigkeiten sind. Es ist ein wirklicher Genozid in Europa. Russland führt einen ganz gezielten Genozid am tschetschenischen Volk durch. Die übrige Welt kann wirklich nicht mehr zusehen, wenn die Werte der Demokratie erhalten bleiben sollen. Tschetschenien hat schon vor 10 Jahren versucht, diese Demokratie dort ins Lebens zu rufen. Ich verstehe überhaupt nicht, warum man diese Werte und diese Standarts dem tschetschenischen Volk nicht gewährleisten will. Frage: Um zur aktuellen Lage in Tschetschenien selbst zu kommen: es ist ja nun auch in der westlichen Presse bekannt gegeben worden dass der Präsident Aslan Mashadow Ende Januar zu einem einseitigen Waffenstillstand aufgerufen hat und Russland an den Verhandlungstisch damit bringen möchte. Es zeichnet sich ab, dass von allen Kämpfern und Widerstandsgruppen dieser Waffenstillstand eingehalten wird. Es gibt jetzt auch, wie zu lesen war, eine Stellungnahme vom Europarat dazu, der Moskau zum Dialog auffordert und drängt, auf dieses Angebot einzugehen. M.A.: Als ich über den Waffenstillstand und den Vorschlag Mashadows erfuhr, war ich erst sehr überrascht. Deswegen, weil die Widerstandskämpfer derzeitig einen solchen Erfolg verzeichnen, dass sie diese Auseinandersetzung noch länger führen könnten. Wirklich noch einige Jahre. Dieser Widerstand muss sich ja nicht im Widerstand erschöpfen. Und viele waren ja auch praktisch gezwungen, in den Widerstand zu gehen. Sie hatten keine andere Wahl. Was Mashadow sagte über den Waffenstillstand, den er verkündet hatte, wäre das eine sehr große Chance in dieser Zeit. Ein wirklich realistische Chance, die man wahrnehmen könnte, wenn man wirklich diesen Krieg beenden wollte. Wenn es solche Leute in den obersten Rängen der russischen Regierung gibt. In diesem Sinne denke ich, könnten die europäischen Führer und auch die EU Einfluss auf diese Situation und Druck auf die russische Regierung ausüben, mit dem tschetschenischen Widerstand in Verhandlungen zu treten. Es gibt eine ganz uralte Wahrheit: der Krieg fordert immer einen Blutzoll. Und der Krieg endet, wie die Geschichte erwiesen hat, immer mit Gesprächen. Es ist die Frage, wie viele Leute muss man den noch umbringen, um ins Gespräch zu kommen, dass verhandelt wird. Entweder jetzt, oder in einem halben Jahr oder wann auch immer... Frage: Auf was wartet Putin? M.A.: Ich denke, dass der russische Präsident einfach nicht über diese Hürde springen kann. Für Putin ist das tschetschenische Problem ein ganz schwieriges. Und er gerät in Jähzorn, wenn man ihm eine Frage zu diesem Thema stellt. Ich sehe das wie nach dem alten Spichwort: „Wenn Jupiter zürnt, zürnt er wahrhaftig.“... Frage: Putin ist ja de facto mit dem zweiten Tschetschenienkrieg an die Macht gekommen und er trat an mit dem Vorsatz, den Tschetschenienkonflikt zu lösen. Natürlich ist es jetzt makaber, wenn man - wie .vor wenigen Wochen - Putin in Auschwitz zu den Feierlichkeiten anlässlich des 60. Jahrestags der Befreiung des KZs sieht und Zitate von ihm im Raum stehen wie: „wir werden die Tschetschenen überall hin verfolgen - und sie wenn nötig in den Toiletten ertränken“ oder sein Vorgänger Jelzin diesen Begriff verwendet hat: „Dieser Krieg ist die Endlösung des Tschetschenienproblems“. Offensichtlich beginnt sich aber nun doch zaghaft eine Opposition aufzurichten. 17 Menschenrechtler forderten Putin auf, auf das Angebot von Mashadow einzugehen. Auch Politiker werfen ihm vor, das Tschetschenienproblem überhaupt nicht gelöst zu haben wie 1999 angekündigt. M. A.: Bevor Putin sich nach Auschwitz begeben hatte, hätte er eigentlich in Erfahrung bringen können, wie viele Konzentrationslager von seinen Generälen und Militärs errichtet wurden. Er hätte darüber nachdenken können, welche Folterungen in diesen Lagern stattfinden von russischen Militärangehörigen. Sie sind ja Putin unterstellt, er ist ja der Oberkommandierende der russischen Streitkräfte. Putins Gefühlswallungen in Auschwitz sind für mich der Gipfel an Zynismus. Frage: Um nochmal zurückzukommen zum Thema Geld. In jedem Krieg geht es ja um Geld und ich erinnere mich an einen Artikel von dir in der SZ vor etwa einem halben Jahr mit dem Titel: Goldgrube Tschetschenien. Die Frage: Wer verdient an diesem Krieg? M.A.; Auf dem tschetschenischen Territorium verdienen viele Leute Geld. Aufgrund dieses Geldes wollen viele natürlich diesen Krieg nicht beenden. Am Krieg verdienen alle: die verschiedenen Reihen der russischen Soldaten, die Offiziere, die russischen Generäle und die neue tschetschenische Administration. Und natürlich die Spitzen in Moskau. Es verdienen an diesem Krieg alle außer den Tschetschenen. Wenn man mehr über die Einzelheiten darüber wissen möchte, wie sich dieses Business abspielt, gibt es das sattsame Beispiel des tschetschenischen Öls. Dieses wird ungesetzlich gefördert und den weiteren russischen Gebieten überstellt. Dann der Menschenhandel. Ein Geschäft mit Lebenden und Leichen. Der Waffenhandel. Man gibt an, dass die Waffen vernichtet worden sind und fordert daraufhin neue, obwohl die anderen noch exisitieren. Auf den eingerichteten Blockposten wird Geld gemacht. Dort ist Korruption an der Tagesordnung. Frage: Damit die Leser eine Vorstellung davon bekommen: du sagtest in dem Artikel, jede Nacht wird Öl im Wert von 800.000 Dollar aus dem Land illegal heraus transportiert... M.A.: Man kann das ganz einfach selbst kontrollieren, indem man aus dem Fenster sieht. Wenn diese Aktionen stattfinden, hört man die Lastwagenkolonnen, die dieses Öl ausführen. Man braucht nur auf die Bundestraße sehen. Es beginnt um Mitternacht bis etwa 3, 4 Uhr morgens. Frage: Das heißt aber doch auch, wenn soviel Öl in Tschetschenien ist, ist Tschetschenien absolut existenzfähig... M.A.; Es gibt nicht nur das Öl, es gibt auch noch andere wertvolle Produkte in Tschetschenien. Ich möchte fast sagen, selbst wenn wir dieses Öl nicht hätten, könnten wir existieren. Im Verhältnis zur russischen Ölförderung ist die Förderung in Tschetschenien außerdem nur gering. Aber natürlich ist es ertragreich genug für diese wenigen Leute, die dieses Öl dort fördern. Frage: Diese Blockposten - das ist ja auch ein lukratives Geschäft. Wie viel wird denn an so einem Blockposten am Tag umgesetzt? M.A.; Die Einführung der Blockposten ist an sich völlig absurd. Sie haben nur eine Aufgabe: die tschetschenischen Bevölkerung auszurauben. Verdienen daran tun die russischen Militärs. Stellen Sie sich doch eine Situation vor wie in München: an jeder Kreuzung steht ein Militärposten. Die Straßen wären alle abgesperrt und von jedem Auto würde an diesem Schlagbaum 10,- Euro verlangt werden. Sie können sich also vorstellen, wie viele Autos dort am Tag durchfahren. Wie viele von diesen 10,- Euro-Scheinen in die Taschen der Militärs wandern. Unsummen. Frage: Und dieses Absahnen der Militärs hat untereinander ja auch ein System.... M.A.; Ja, da gibt es einen Offizier, der am meisten verdient. Es gibt Deals, wer an welchem Blockposten stehen darf. Genau so ist die Situation. Es gibt sog. „Elite“-Blockposten, die sind an den belebten Straßen postiert. Z.B. an der Einfahrt nach Grozny. Auch die Grenzposten zwischen Inguschetien und Tschetschenien und Daghestan sind sehr lukrativ. Um auf diese Blockposten zu kommen und dort Dienst zu tun (wenn Streitkräfte nach Tschetschenien abkommandiert werden), wird Schmiergeld in Höhe von 500,- bis 5.000,- Euro gezahlt. Und man verdient natürlich kolossal mehr als nur mit dem einfachen Soldatenlohn. Frage: Und wie kann sich die Zivilbevölkerung ein „Leben“ überhaupt finanzieren? Das Leben ist sehr hart, natürlich. Viele Tschetschenen leben von den Verwandten, die in der Region um Tschetschenien leben. Die, die außerhalb Groznys leben, haben ihren Anbau und ihr Gemüse. Sie führen praktisch ein bäuerliches Leben. Andere leben schlicht von den minimalen Renten, die sie bekommen. Manche haben ein kleines business, verkaufen irgendwelche Sachen. Es gibt natürlich Leute, die Geld haben, die mit den Kollaborateuren zusammenarbeiten, sprich die russlandfreundliche Regierung. Frage: Zuletzt noch ein anderes Thema. Es ist hier in der deutschen Presse für das Buch einer russischen Journalistin groß geworben worden, das jetzt auch in deutsch erschienen ist: „Die Bräute Allahs““ von Julia Juzik. Es geht darin um die Geschichten der sogenannten „Schwarzen Witwen“, Selbstmordattentäterinnen, die in Tschetschenien aktiv waren. Dieses Buch ist sehr publiziert worden. Was mir aufgefallen ist, dass es darin immer hieß, die jungen Frauen seien fast alle unter Druck gesetzt worden und hätten unter Zwang solche Aktionen gemacht. M.A.: Um die Logik des Handelns dieser Frauen zu verstehen - die man „schwarze Witwen“ nennt, wobei ich nicht weiß, was das soll - muss man ihren Lebenslauf kennen. Ich kenne viele Beispiele von Geschichten solchen Frauen. Es sind lange, traurige Geschichten, die sich dort abgespielt haben. Diese Handlungen sind die Ausgeburt des Krieges und dass sie überhaupt in der Öffentlichkeit erschienen, sind Folgen dieses Krieges. Solange dieser Krieg fortbesteht und weiter mit diesen Methoden geführt wird, solange dieser Krieg die Frauen zu Witwen macht und Kinder zu Waisen werden, werden solche Frauen immer wieder erscheinen. Und mit jedem Tag werden es mehr. Wenn man dem Menschen das Liebste nimmt, wenn man vor den Augen dieser Frauen die eigenen Kinder tötet, sehen sie nichts dabei, das eigene Leben zu opfern nachdem, was sie erlebt haben. Die Logik dieser Frauen ist ganz einfach: sie denken, die Menschen, die wir umbringen und töten, in den Schulen oder in den Theatern, in den Stadien oder auf der Straße, sie sind nicht schuldig. Aber es sind MEINE Kinder, die die russischen Soldaten getötet haben. Sie waren AUCH nicht schuldig für irgendetwas. Frage: Im Verlauf der letzten Jahre sind in Tschetschenien 40.000 Kinder ums Leben gekommen. Etwa 25.000 Kinder suchen ihren Vater oder sind Halbwaisenkinder. Wie stellt sich die Lage für die Kinder in Tschetschenien heute dar? M.A.: Diese Zahlen sind bis zum Jahr 2003 gerechnet. Ich denke, diese Zahl hat sich seitdem noch erhöht. Eine weitere Gruppe von Kindern sind die Vollwaisen, die beide Eltern verloren haben. Es gibt in Tschetschenien nur wenig Kinderhäuser. Außerdem gibt man nach tschetschenischer Tradition die Kinder ungern weg. Unabhängig der materiellen Situation. Natürlich ist die Lage der Kinder sehr schlecht. Alle haben Probleme, genug Kleidung und Essen zu haben, Schulmaterialien, Medikamente, Vitamine usw. Frage: Letztes Jahr wurde nach einer Umfrage der WHO festgestellt, dass in Tschetschenien mittlerweile jedes zweite bzw. dritte Kind mit Behinderungen zur Welt kommt, nicht zuletzt als Folge der ökologischen Verschmutzungen. M.A.: Ich möchte noch hinzufügen: 92 % der neugeborenen Kinder leiden an Anämie und anderen Krankheiten. Die Bedingungen sind sehr schlecht, die Kinder ausreichend versorgen zu können. Frage: Um jetzt noch einmal auf hier zurückzukommen. Tschetschenien ist mittlerweile ein Bestandteil von Diskussionen in der Anti-Kriegs-Bewegung geworden wie zuletzt bei den Gegenveranstaltungen anlässlich der NATO-Sicherheitskonferenz. Welchen Eindruck hast du von diesen Veranstaltungen, Solidaritätsaktionen etc. hier? M.A.: Ich denke, man sollte die Menschen hier dafür interessieren, was in Tschetschenien passiert, um die Situation dort verstehen zu können. Und dass gerade in diesen Minuten dort Menschen sterben. Sie sind nicht so weit weg, wie uns das oft erscheinen mag. Es passieren in Tschetschenien einfach unglaubliche Dinge. Es gibt auf der Welt Orte, wo sich vieles konzentriert. Es müssen sich einfach mehr Menschen damit befassen. Wenn sich mehr sich Leute äußern und damit nicht einverstanden sind, wächst auch die Hoffnung, das dieser Krieg bald beendet sein wird. Wenn die Menschen oft nicht so gedankenlos wären, könnte man mehrere Menschenleben in Tschetschenien retten. Frage: Mashadow sagte in einem Interview im Jahr 2004 sinngemäß, jene Menschen, die sich heute gegen den Krieg in Tschetschenien verhalten und Solidarität zeigen, sind das Gewissen der Welt von heute. Das letzte Wort nun an dich. M.A.: Ich möchte mich recht herzlich bedanken bei allen Menschen, die sich so für mein Land Tschetschenien interessieren. Ich habe die Absicht, nach Tschetschenien zurückzukehren und bedanke mich auch bei all denen, die mir in Deutschland geholfen haben. Das Interview führte A. Schrödel vom AK Tschetschenien |
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