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"Aussitzen, mürbe machen"
Der Krieg in Tschetschenien geht weiter, die Bevölkerung wird müde.
11.01.2005 -
Telepolis - Katja Seefeldt
"Es gibt seit drei Jahren keinen Krieg mehr in Tschetschenien", hatte der russische Präsident Wladimir Putin bei seinem vorweihnachtlichen Besuch bei Kanzler Gerhard Schröder vor der Presse ins Mikrophon geblafft. Auf Deutsch versteht sich, das wirkt besser. "Ist schon vorbei. Die Leute können ruhig nach Hause gehen, frohe Weihnachten!" Ob ihm das irgendjemand abgenommen hat? Gerhard Schröder jedenfalls hat nicht widersprochen. Doch fernab von der medienträchtig inszenierten Deutschlandvisite des russischen Präsidenten geht der Krieg weiter.
Neues Jahr, neue Gefechte
Nach Zeitungsberichten läuteten im tschetschenischen Distrikt Kurtschaloj am 1. Januar um 5 Uhr morgens Gewehrsalven ein neues Kriegsjahr ein. Es wird weiter gekämpft und die Bilanz, die die Gesellschaft für bedrohte Völker [1] zum Jahresende in einer Pressemeldung veröffentlichte, ist traurig: Mindestens 160.000 Menschen wurden in den beiden Tschetschenienkriegen 1994 bis 1996 und 1999 bis heute getötet, die Hälfte davon kamen in der Amtszeit von Putin ums Leben. 396 Menschen sind allein 2004 auf etwa 25-30 Prozent des Territoriums verschwunden. Rund 80 Prozent der Dörfer und Städte Tschetscheniens sind zerstört.
Die Zivilbevölkerung wird noch immer durch willkürliche Verhaftungen, Folter, Verschwindenlassen, Morde und Vergewaltigungen in Angst und Schrecken gehalten. Am 4. Januar hat es wieder Mitarbeiter von tschetschenischen Menschenrechtsorganisationen getroffen: Larissa Temirsultanowa und Chadischat Jusupowa wurden an der Grenze zwischen Aserbaidschan und Russland festgenommen. Seitdem fehlt von ihnen jede
Spur. Die beiden hatten sich seit Ende November 2004 in Aserbaidschan aufgehalten, um dort zusammen mit aserbaidschanischen Menschenrechtlern am Aufbau eines Netzes von Kindergärten in Tschetschenien zu arbeiten.
Morddrohungen gegen Journalisten
Kein Krieg in Tschetschenien? Von Frieden aber haben die Menschen in der Kaukasusrepublik nichts gemerkt. Dazu gehört auch Mainat Abdulajewa [2], 30, die erst vor wenigen Wochen ihr Land verlassen hat. Sie war die letzte freie Journalistin, die für die russische Zeitung Nowaja Gazeta und für Radio Liberty aus Tschetschenien berichtete. Dass sie sich bei ihrer Arbeit auch für Achmad Kadyrow und seine Familie
interessierte, hat ihr und ihrer dreijährigen Tochter massive Morddrohungen eingebracht. Das P.E.N-Center in Moskau hat ihr die Ausreise ermöglicht, zurzeit lebt sie mit einem Stipendium des P.E.N. in München. Wladimir Putins Worte sind Mainat Abdulajewa nicht neu.
--Putin hat schon mehrfach gesagt, dass es in Tschetschenien keinen Krieg gibt. Aber es ist eine Tatsache, dass dort jede Nacht getötet wird. Dass Milizionäre in Wohnungen eindringen und Leute mitnehmen gehört zum Alltag. Regelmäßig verschwinden Leute. Gerade heute (gemeint ist der 4.1.2005, Anm. d. Red.) wurden wieder sechs Studenten in Grosny verschleppt. Ihre Verwandten fanden sich zu einer kleinen Kundgebung ein, um ihre Herausgabe zu fordern, aber natürlich werden sie nicht wiederkehren.--
Russische Planwirtschaft
Die Lage in Tschetschenien ist hoffnungslos, ein Ende des Krieges ist nirgends greifbar. Ein normales Leben ist eine Illusion. "Die Kinder gehen vielleicht noch zur Schule, Studenten in Vorlesungen, doch nur 20 bis 30 Prozent der Leute haben einen Job. Einzig der Krieg ist Alltag", erzählt Abdulajewa im Gespräch mit Telepolis. Nach jedem Angriff durch die Aufständischen werden die Repressionen größer. Nach Planvorgaben
führen die russischen Soldaten Verhaftungen durch. Es trifft, egal wen, Hauptsache das Soll ist erfüllt.
So lange das Land eine riesige Geldwaschanlage ist, in der sich russische Generäle und Offiziere durch illegalen Erdölschmuggel bereichern und mit dem Verkauf getöteter Tschetschenen Geld verdienen können, wird sich nichts ändern. Mainat Abdulajewa schätzt, dass jede Nacht Öl im Wert von 800.000 Dollar aus dem Land geschmuggelt werden – während der Ausgangssperre und mit Begleitschutz des Militärs. Die
immer wieder groß angekündigten Haushaltsmittel und Investitionen für den Wiederaufbau versickern auf dubiosen Wegen. Die Bevölkerung bekommt keine Verbesserungen zu spüren.
Verrat und Denunziation
Zehn Jahre Krieg hinterlassen Spuren. Wie Mainat Abdulajewa erzählt, werden die Menschen mürbe. Noch im ersten Krieg waren die Linien zwischen Tschetschenen und Russen klar gezogen. Hier Freund, da Feind. Doch jetzt leben die Leute zunehmend für sich. "Wenn einer im Widerstand aktiv ist", so Abdulajewa, "erfährt man das meist erst, wenn die Leute plötzlich tot sind und es offenkundig wird."
Mit Briefkästen, in denen die Bevölkerung anonym Botschaften loswerden kann, schürt die Miliz Verrat und Denunziation auch in abgelegenen Dörfern. Traurigerweise landen dort Nachrichten, weil ihre Verfasser sich kleine Vorteile erhoffen, vielleicht einen Angehörigen freibekommen wollen. Auch die spontane Solidarität mit Leuten, die an
den berüchtigten Kontrollpunkten durchsucht und verhaftet werden, gehört laut Abdulajewa weitgehend der Vergangenheit an.
Einmal wieder im Schlafanzug schlafen
Das Leben ist gefährlich in der Kaukasusrepublik, der Tod kann jeden Tag kommen. Doch Angst hat Mainat Abdulajewa nicht mehr. "Die habe ich irgendwann im zweiten Krieg verloren", meint sie. "Es gibt auch nichts mehr an Grausamkeit, das neu sein könnte. Die Russen haben alles schon gemacht." Vorstellungen von der Zukunft hat sie nicht. "Jeder lebt von einem Tag zum anderen, das hilft zu überleben." Pläne machen will sie erst wieder, wenn der Krieg vorbei ist. Dann will sie auch einmal wieder in einem Schlafanzug schlafen. Das hat sie, wie viele Tschetschenen, schon lange nicht mehr getan. Denn es ist ja nicht unwahrscheinlich, dass jemand vorbeikommt und einen abholt.
LINKS
[1] http://www.gfbv.de
[2] http://www.pen-deutschland.de/htm/aufgaben/wie/wie_kourbanova-mainat.php
[3] http://www.ikforum.de
Telepolis Artikel-URL: http://www.telepolis.de/r4/artikel/19/19198/1.html
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