Bericht über die Tschetschenienwoche im EineWeltHaus vom 12. - 19. Oktober 2003

    

12.10.2003
Eröffnungsveranstaltung - Vernissage mit dem tschetschenischen Künstler Dartschi Hasachanov

Etwa 20 Bilder wurden für 4 Wochen im EineWeltHaus und vor allem in der Gaststätte Weltwirtschaft ausgestellt.

Bernhard Inderst vom AK Tschetschenien eröffnete die Tschetschenien-Woche mit der Vernissage, stellte dabei die Arbeit des Arbeitskreises vor un
d bedankte sich bei den Un­terstützern, die namentlich erwähnt wurden, für die Finanzierung der Kulturwoche. Mit den Worten „Die Türme sind gesprengt“ - was gleichzeitig die Überschrift eines Interviews in der Süddeutschen Zeitung mit einer tschetschenischen Journalistin war, wurde die Kultur­woche eröffnet. Die Steintürme aus dem Mittelalter, die das tschetschenische Volk erbau­te, um dort zu wohnen und gleichzeitig dort Schutz bei Übergriffen zu finden, sind das Symbol der Tschetschenen – diese Türme wurden schon unter Stalin weitgehend zerstört, und die letzten noch existierenden Steintürme fielen im jetzigen Krieg Bombenangriffen zum Opfer. Mit der Zerstörung dieses Kulturgutes soll gleichzeitig auch die kulturelle Iden­tität des Volkes ausgelöscht werden.

Dartschi Hasachanov wurde dem anwesenden Publikum vorgestellt. Er ist der letzte noch lebende Bildhauer aus Tschetschenien. Da ihm in der Sammelunterkunft, in der er mit sei­ner Familie im Schongau lebt, die Bedingungen fehlen, um dort arbeiten zu können, ist seine künstlerische Betätigung auf das Malen und Zeichnen reduziert. 

 

Hasachanovs Werke aus Tschetschenien sind alle zerstört. Das einzige, was noch an Spuren seines Schaffens dort existiert, ist ein Mahnmal im Gedenken an die Deportation unter Stalin 1944, bei der das ganze Volk nach Kasachstan und Sibirien verschleppt wur­de. Der Künstler ließ für dieses Denkmal sämtliche Grabsteine sammeln, die Russland nach der Vertreibung als Straßenbegrenzungen benutzte.

Hasachanov bedankte sich in seiner Rede bei allen, die ihm diese Ausstellung ermöglicht haben und allen, die ihm bisher in seinem Dasein als Flüchtling geholfen haben. Er freue sich, jetzt in einem Land leben zu können, dessen künstlerische Geschichte weit zurückgeht und Meister an Malern wie z.B. Albrecht Dürer hervorgebracht hat.

Alle Werke, die heute von ihm ausgestellt wurden, sind in seiner Exilzeit entstanden. Hasachanov beschrieb den Zuhörern, unter welchen Umständen er malt. Nachts, wenn alle schlafen, geht er in den Waschraum und stellt dort seine Staffelei auf und beginnt zu malen. Da dieser Raum sehr klein ist und er somit seine Werke nicht aus einer Distanz be­trachten kann, benutzt er einen Spiegel dazu. 

Dartschi Hasachanov stellte einzelne Bilder in ihrer Bedeutung vor. Eines der Bilder mit schwarzem Hintergrund und bunten Bilderstreifen zeigt Tschetschenien heute – völlig zerstört, Dunkelheit – doch bricht sich auch das Leben eine Bahn darin. Ein weiteres, in rot gehaltenes Bild mit Umrissen eines Kleinkindes, ist den Kindern Tschetscheniens gewid­met, wie sie das Leben erleben müssen und den Traumata, die sie gezwungenermaßen verarbeiten müssen. Das letzte Bild, das er malte und das auch Teil der Ausstellung ist, hat den Titel "verletztes Tschetschenien“ und zeigt eine ausgezehrte Figur vor rot-gelbem Hintergrund - wie den Lichtschatten eines Feuers.

Die Resonanz auf die Bilder und das Interesse daran waren sehr positiv. Das Publikum war gemischt aus Kunstschaffenden, Kunstliebhabern und Interessierten an Tschetschenien und seiner Kultur. Etwa 30 Menschen besuchten die Vernissage, blieben im An­schluss noch zu Einzelgesprächen und nahmen am kleinen Vernissage-Imbiss teil. 

 

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13.10.2003
Lesung -  "Hoch über dem Hass"


Am 13. Oktober 2003 fand im Saal des EineWeltHauses die Lesung "Hoch über dem Hass" statt. Geladen waren die beiden Journalistinnen und Autorinnen Petra Procházková aus Tschechien und Irena Brezna aus der Schweiz. Frau Procházková war verhindert und an ihrer Stelle schickte sie Frau Jana Hradilkova, mit der sie eng zusammenarbeitet.
Die Einleitung und Moderation übernahm ich, Doris Rasevic, Mitglied des Arbeitskreises Tschetschenien.

Zur Veranstaltung erschienen ungefähr 40 Gäste. Der Unkostenbeitrag betrug 3,­ Euro.
Die Veranstaltung begann um 20.00 Uhr, da die meisten ZuhörerInnen erst nach 19.30 Uhr kamen.

Nach der Begrüßung der Anwesenden stellte ich zuerst den Arbeitskreis Tschetschenien, unsere Aufgaben und Projekte vor. Dann begann Frau Brezna mit der Lesung aus ihrem neuesten Buch "Die Sammlerin der Seelen". Sie wählte zwei Kapitel aus. Im ersten erzählt sie von der Menschenrechtlerin Zainap Gashajewa (mit der das Interkulturelle Forum bereits eine Veranstaltung durchgeführt hat) und deren Rede über die Verletzung der Menschenrechte in Tschetschenien vor einer Kommission der UNO. Dann las sie das Ka­pitel vor, in dem sie nach einer psychologischen Erklärung für die Gräueltaten der russischen Militärs an der tschetschenischen Bevölkerung sucht.

Nach der Lesung von Irena Brezna berichtete Jana Hradilkova in englischer Sprache über die Gründe für ihr Engagement für Tschetschenien. Sie schilderte die Entstehung von "Berkat", einem Hilfsprojekt für Waisenkinder, das Petra Procházková in Tschetschenien gegründet hatte. Sie las dann eine Stelle aus dem Buch "The Aluminium Queen" von Petra Procházková vor.

Nach ihrer Lesung begann das Publikum Fragen an die beiden Frauen zu stellen und eine angeregte Diskussion entstand. Erschütterung zeigte sich bei den ZuhörerInnen vor allem über die Lebenssituation der Zivilbevölkerung in Tschetschenien. Viele Fragen hatten dies zum Thema. 

Auch interessierte sich das Publikum für die Gründe des Krieges in Tschetschenien, die weltpolitischen Ursachen und diskutierte über die Möglichkeiten für eine Lösung des Konfliktes und welche Mittel dafür die geeignetsten seien. Die Veranstaltung dauerte ungefähr 2 Stunden. 

Vor dem Saal hatten wir einen Infostand und einen Büchertisch aufgebaut. So hatten die BesucherInnen im Anschluss an die Veranstaltung die Möglichkeit, die besprochenen Bü­cher und / oder weitere Informationen über Tschetschenien und die Arbeit unseres Vereins zu erwerben, sich auszutauschen und weitere Fragen an unsere Referentinnen zu stellen. 

Frau Brezna und Frau Hradilkova äußerten am Ende der Veranstaltung, dass sie sehr zufrieden seien mit der Lesung, deren Organisation und dem Ablauf. Für die Zukunft haben die beiden Gäste und der AK Tschetschenien beschlossen, weiterhin zusammen zu arbeiten, Informationen auszutauschen und eine enge, länderübergreifende Vernetzung anzustreben.

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16.10.2003
Filmvorführung "Dance Grozny Dance“

Teilnehmer: etwa 25 Personen. 
Vor der Vorführung wurde die Geschichte dieses Tanzensembles erzählt und wie es zu seiner Gründung kam.

Der bekannteste, noch lebende Tänzer Ramzan Ahmadov sammelte mehr oder weniger nach dem Ende des ersten Tschetschenienkrieges die Kinder von der Straße und in den Flüchtlingslagern auf und – um sie von der Destruktivität ihrer Lebensumstände zu wahren, studierte er mit ihnen den kaukasischen Tanz ein und unterrichtet sie seitdem. Im Jahr 2000 ging das 40-köpfige Tanzensemble zum ersten Mal auf Deutschland-Tournee – und auch wir wollen versuchen, sie im nächsten Jahr nach München zu bringen. Daimokh, der Name des Ensembles, bedeutet auf Tschetschenisch "Heimat“. 

Der Film wurde mit großem Interesse und großer Anteilnahme aufgenommen. Einige BesucherInnen wurden im Laufe der Woche auch Dauergäste.

 

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17.10.2003 
" Meine Welt ist untergegangen“ - Lesung mit dem tschetschenischen Dichter 
Abti Bisultanov

Frau Strobl eröffnete die Veranstaltung mit Auszügen aus einem Artikel im SZ-Feuilleton vom Juli 03 über das Jahr des Deutsch-Russischen-Kulturaustausches, wobei Tschetschenien und seine Künstler völlig ausgeschlossen wurden. Tschetschenien war auch kein Thema bei der Frankfurter Buchmesse und nicht beim Giga-Gipfeltreffen in St.-Pe­tersburg. Doch trotz der heutigen Ignoranz gab es im 19. Jhrd. durchaus russische Schriftsteller, die die zaristische Okkupationspolitik im Kaukasus kritisch betrachteten und Russland dafür anklagten. Ein Gedicht von M. Lermontov wurde dazu vorgelesen.

Bevor die Lesung begann, wurde Abti Bisultanov vorgestellt und seine Geschichte in Kurzform erzählt. 

Herr Walch, Dozent für Slawistik übersetzte vom Russischen ins Deutsche und verlas die Gedichte in deutscher Übersetzung, die Abti Bisultanov auf Tschetschenisch vortrug.

Eines davon war:



Erstes Gedicht Abti Bisultanov nach dem Verlassen Tschetscheniens im Mai 2002

In der anschließenden Diskussion wurden Fragen zu verschiedenen Aspekten gestellt, z.B. wie weit die tschetschenische Sprache noch gesprochen wird, nachdem Russisch als Amtssprache von Russland durchgesetzt wurde und Tschetschenisch lange verboten war. Antwort: Alle Tschetschenen sprechen Tschetschenisch als Muttersprache und trotz dem Russischen ist sie noch verankert. In der Sowjetzeit wurde versucht, den Tschetschenen das geistige Rückgrad zu brechen, indem man das Alphabet änderte. Bis zum 20.Jahrhundert war Tschetschenisch mit dem arabischen Alphabet geschrieben, dann wurde von den Kommunisten das Kyrillische eingeführt. Nach der Unabhängigkeit 1992 gab es Be­strebungen, davon wegzukommen, und heute wird es in lateinischer Schrift geschrieben. Das Tschetschenisch gehört zu den ältesten und interessantesten Sprachen und ist ver­wandt mit dem Georgischen, dem Dagestanisch. Letzte Forschungen entdeckten interna­tionale Faktoren der Sprache und stellten Verwandtschaften fest mit alten Sprachen im Nahen Osten.

Alle geschichtlichen Aufzeichnungen sind nun zerstört. Das, was den Menschen geblie­ben ist, ist die Sprache und ihre Religion. Dies kann nicht vernichtet werden. Die Tschet­schenen sind Europäer, aber ohne Zweifel Muslime. Der Kaukasus war Brückenkopf für die Völkerbewegungen, die sich dort vom ethnischen Gesichtspunkt abgespielt haben. Es gab Vermischungen mit den Turkvölkern, aber auch den Skyten. 
Die Besonderheit ist eine andere: Bei aller Gemeinsamkeit mit dem kaukasischen Erbe gibt es eine Unterscheidung: Es hat im tschetschenischen Volk nie einen Fürsten oder Adelsstrukturen gegeben. Die Menschen waren alle gleich. Und wer in die Gesellschaft eintrat, wurde aufgenommen und war gleichberechtigt.

Zum Krieg sagte Abti Bisultanov Folgendes:
Seit dem 5.9.99 gibt es einen Bombenkrieg im Kaukasus. Zehntausende starben unter dem Vorwand der "Terroristenbekämpfung“. Es sind Frauen, Kinder und Alte, die am meisten davon betroffen sind. Bis heute. blieb in Grozny kein Gebäude unbeschädigt. Sein Dorf z.B. wurde komplett ausgelöscht. Es wurde im Krieg 2000 vollkommen umzingelt.

In diesem Dorf lebten 5.600 Menschen. Einen Monat dauerten die Kämpfe dort. Sie alle, Frauen, Greise und Kinder wurden zusammengetrieben. Seine 90-jährige Mutter musste 10 Tage auf offenem Feld im Schnee verbringen. 
1.000 Menschen sind dabei gestorben. Artillerie wurde eingesetzt, alles, was möglich war. Heute gibt es dort kein Haus mehr im Dorf. 

Deshalb ist ihre einzige Bitte an die Weltöffentlichkeit: Nehmt nicht an diesem Genozid teil, sagt nicht, dass wir ungerechterweise diesen Krieg führen. Sie kämpfen um Gerechtigkeit, um ihr Haus, ihren Hof, ihr Feuer.
Die internationalen Politiker wie z.B. Tony Blair suchen die Tschetschenen überall, in Pakistan, Afghanistan, und Bush sucht sie auch irgendwo. Er braucht sie aber nicht zu su­chen, sie überfallen ja auch niemanden, wir verteidigen nur unseren Herd, unsere Familien. Es ist ein gerechter Krieg gegen einen Aggressor. 

Frage zur sozialen Lage in Tschetschenien, wovon leben die Leute heute.
Da es so gut wie keine Infrastruktur mehr gibt, ist der Alltag schwer vorstellbar. Es kommen kaum Hilfslieferungen an. Es sei wirklich sehr schwer zu sagen, was in Tschetschenien das Leben bedeutet. Aber wenn der Mensch ständig an der Grenze zum Überleben steht, werden Kräfte in ihm freigesetzt, so kann man das vielleicht erklären. Aber es sind fast alle krank, physisch krank. 

Die Tschetschenen haben eine große Tradition in der Verwandtschaftsbeziehung. Jeder Tschetschene, der sich irgendwo auf der Welt aufhält und einen Dollar hat, ist bereit, ihn mit seinem Landsmann zu teilen. Das ist ihr Gesetz aus Kasachstan, aus der Zeit der Deportation: Teilen. 

Die Tschetschenen sind erfinderisch, was das Überleben angeht. Alles ist zerstört, aber dann sammeln sie z.B. die Splitter von den Bomben oder Aluminium und handeln damit. 15 Meter unter der Erde gibt es Öl, so bohren die Leute Löcher im Garten und fördern das Öl, kochen es ab und verkaufen es als Benzin. Die internationale Hilfe ist sehr gering. 

Es waren etwa 50 Besucher bei der Veranstaltung. Die Lesung war sehr ergreifend, alle BesucherInnen blieben bis zum Ende.

Im Namen aller nochmals herzlichen Dank für Ihre freundliche Unterstützung.

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19.10.2003
Basar für Hilfsprojekte in Tschetschenien


Den Abschluss der Tschetschenien-Woche bildete ein großer Basar, der im gesamten Erdgeschoss des EineWeltHauses statt fand. Der Basar begann um 10 Uhr und endete um 17 Uhr. Es wurden Kleider, Kinderkleidung, Spielsachen und vieles mehr verkauft. Außerdem gab es ein großes Buffet mit leckeren Snacks, Süßigkeiten, Tee und Kaffee, zu­bereitet von unseren Mitarbeiterinnen aus Tschetschenien. Gegen ein Spende konnten sich hier die BesucherInnen stärken. Zum Basar gab es einem Informationstand und Stellwände, auf denen über unsere Hilfsprojekte in Tschetschenien informiert wurde.

Es kamen auf den Tag verteilt zwischen 200 – 300 Personen, um einzukaufen, Kontakte zu knüpfen und sich über die Arbeit der Gruppe zu informieren. Den ganzen Tag über liefen angeregte Gespräche zwischen den MitarbeiterInnen des Arbeitskreises und den sehr interessierten BesucherInnen.

Wir konnten 1.130 Euro an Spenden einnehmen,
die direkt in unsere Projekte in Tschetschenien fließen werden. 

Das sind: 

  • ein Haus für Kriegswitwen und im Krieg misshandelte Frauen und Mädchen
  • ein Waisenhaus für Kriegswaisen und 
  • ein Behandlungszentrum für jugendliche Minenopfer.

Zur gesamten Tschetschenien-Woche sei noch angemerkt: Das Thema Tschetschenien ist nach wie vor noch ein Randthema innerhalb der Münchner Bevölkerung. Das heißt für uns als Verein um so mehr, dabei zu bleiben und immer wieder Informations- und Kultur­veranstaltungen zu Tschetschenien anzubieten.

Als erfreulich und erfolgreich betrachten wir die Tatsache, dass die einzelnen Veranstaltungen dieser Woche vor allen von Menschen besucht wurden, die wir noch nicht kannten und die zum ersten Mal das EineWeltHaus besuchten.
Ein weiterer Erfolg ist u.E., dass sich an jedem Abend einzelne BesucherInnen fanden, die in Zukunft die Arbeit de Arbeitskreises Tschetschenien im IK Forum aktiv unterstützen wollen.


 

 

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© G. Braun, Interkulturelles Forum e.V., 2002