Nachrichten aus Tschetschenien
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Der verheerende Einsatz von Beslan Viele der 338 Opfer der Geiselnahme in einer Schule sind vermutlich durch Brandgranaten russischer Sondereinheiten getötet worden Frankfurter Rundschau online vom 16.6.2005 - VON FLORIAN HASSEL (MOSKAU) Es war ein explosiver Bericht. Wochenlang hatte Major Eminow, Assistent des Militärstaatsanwalts des Kriegsgerichts in der Kaukasusstadt Wladikawkas, in einer der wichtigsten Fragen über das blutige Ende des Geiseldramas in der Schule von Beslan Anfang September 2004 ermittelt. Hatten russische Sondereinheiten bei der Erstürmung der Schule am 3. September schwere Waffen eingesetzt - und so statt der tschetschenischen Geiselnehmer selbst viele der 338 Opfer in den Tod gerissen? Eminows am 3. Dezember festgehaltenes Fazit: "Bei der Erstürmung des Schulgebäudes und der Befreiung der Geiseln wurden Brandgranaten RPO-A ‚Schmel', Granatwerfer RPG-25 und Panzer T-72 eingesetzt (...) was zum Tod von Geiseln und Verletzungen verschiedener Schweregrade führen konnte." Nur die Wochenzeitung Nowaja Gaseta berichtete bereits Anfang Oktober 2004 über die offenbar eingesetzten Brandgranaten - und stieß auf eine Mauer des Schweigens. Auch der Bericht des Justizmajors Eminow blieb lange geheim. Erst Ende Mai berichtete die Zeitung Moskowskij Komsomolez in einer dreiteiligen Serie über die Erkenntnisse. Diese Veröffentlichung wurde von anderen russischen Medien freilich ebenso übergangen wie Berichte der Nowaja Gaseta. Und das aus gutem Grund: Recherchen beider Zeitungen belegen, dass der Einsatz der Brandgranaten und schweren Waffen offenbar die Ursache für die meisten Toten in der Schule ist. Und dass der Einsatz nicht - wie vom Kreml verbreitet - von lokalen Beamten geführt wurde, sondern von hohen Moskauer Beamten des Geheimdienstes FSB und der Kreml-Verwaltung Präsident Putins. Zu offiziellen Sündenböcken wurden der lokale Geheimdienstchef Walerij Andrejew und Alexander Dsasoschow erklärt, der Präsident der Republik Nordossetien, auf dessen Gebiet Beslan liegt. Andrejew, offiziell der Leiter des Einsatzstabes, wurde eine Woche nach dem Ende des Geiseldramas von Wladimir Putin seines Postens enthoben. Dsasoschow durfte Putin Anfang Juni nach nicht abreißenden Protesten der Hinterbliebenen um seine vorzeitige Entlassung aus dem Präsidentenamt bitten. Die Nowaja Gaseta fand vor kurzem heraus, dass die Moskauer FSB-Vizechefs Wladimir Pronitschew und Wladimir Anisimow alle wichtigen Entscheidungen in einem offiziell gar nicht existierenden, parallelen Einsatzstab trafen, ohne Koordination mit dem Einsatzstab der örtlichen Polizei, Armeeeinheiten und selbst führenden lokalen Politikern. Offiziell verbreiteten russische Stellen später, zwei von den Geiselnehmern gelegte, explodierte Bomben hätten die Turnhalle, in der die meisten Geiseln festgehalten wurden, in Flammen aufgehen lassen, das Dach zum Einsturz gebracht und Hunderte bewusstloser Geiseln getötet. Tatsächlich steckte der - nach internen Anweisungen bei der Anwesenheit von Zivilisten verbotene - Abschuss von Brandgranaten durch Geheimdiensteinheiten das Schuldach in Brand und leitete die Tragödie ein, die Hunderte von Menschen das Leben kostete. Seit dem Beginn der Geiselnahme am 1. September waren Sondereinheiten auf den Dächern umliegender Häuser postiert. Nach den Explosionen in der Schule am Mittag des 3. September schossen sie "Schmel"-Brandgranaten in Richtung der Schule - wahrscheinlich, um Geiselnehmer zu treffen, die sich in einem anderen Teil des Schulgebäudes verbarrikadiert hatten. Eine oder mehrere Granaten fielen zu kurz, setzten das Dach der Turnhalle in Brand und verwandelte die Halle schnell in ein tödliches Flammenmeer. "Der größte Teil der Geiseln starb als Resultat des Einsturz des Daches und des folgenden Feuers im Turnsaal", sagte ein Polizist und Mitglied des offiziellen Einsatzstabes dem Moskowskij Komsomolez . "316 Menschen starben im Feuer - die übrigen 22 wurden von den Geiselnehmern getötet", so der Beamte. Ein Ermittler-Protokoll vom 4. September bestätigt: "(Auf dem Boden) liegen Hunderte verbrannter Leichen von Kindern, Frauen und Männern, die ungefähr die Hälfte des Platzes der Turnhalle einnehmen." Nach monatelangem Leugnen bestätigte Russlands Generalstaatsanwaltschaft Anfang April bei einem Treffen mit Hinterbliebenen in Beslan, dass Spezialeinheiten Brandgranaten abgefeuert hatten. Über eine Anklage sei bisher nicht entschieden worden. Auch wer den Einsatz der Granaten befahl wurde nicht gesagt. Von den verantwortlichen Moskauer Beamten hat bisher niemand Verantwortung übernommen. FSB-Vize Wladimir Pronitschew wurde nicht entlassen, sondern im Mai zum General befördert.
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