Nachrichten aus Tschetschenien
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Die Polizei, dein Feind und Henker Nirgendwo in Russland ist die Zensur härter, kommen mehr Journalisten ums Leben als im Kaukasus Frankfurter Rundschau vom 2.9.2005, VON FLORIAN HASSEL
Jurij Bagrow saß beim Frühstück, als das Kommando zur Tür hereinstürmte. Angeführt von einem Oberst der Gegenspionage, stellten zehn Geheimdienstler der Organisation FSB die Wohnung des Journalisten in Wladikawkas, Hauptstadt der Kaukasusrepublik Nordossetien, auf den Kopf - angeblich auf der Suche nach Waffen, Rauschgift und gefälschten Dokumenten. Statt Kokain oder Revolvern beschlagnahmten die Geheimdienstler Computer, Archiv, Tagebücher - und Bagrows Pass. Seit der Durchsuchung vor einem Jahr lebt der Journalist im legalen Niemandsland. Er kann Nordossetien nicht verlassen und seinen Beruf nur eingeschränkt ausüben. "Bagrow war einer der wenigen einheimischen Journalisten, die aus der kritischsten Region Russlands noch unabhängige Berichte lieferten", sagt Oleg Panfilow vom Moskauer Zentrum für Journalismus in Extremsituationen. "Jetzt hat ihn der Geheimdienst so gut wie ausgeschaltet." Den Zorn der Behörden erregte der 29 Jahre alte Journalist seit Beginn des zweiten Tschetschenienkrieges 1999. Als Kaukasus-Korrespondent der Associated Press und des US-Auslandsradios Radio Liberty wurden seine Berichte weltweit verbreitet. Bagrow schrieb über zivile Opfer russischer Bombenangriffe ebenso wie über Terrorakte der Rebellen. Ende Mai 2004 berichtete er über Opfer von Todesschwadronen in der tschetschenischen Nachbarrepublik Inguschetien - und über die offensichtliche Beteiligung des FSB. Wenig später begannen die Probleme des Journalisten. Bagrow wurde als Kind einer russischen Offiziersfamilie im damals sowjetischen Georgien geboren und zog erst zum Studium aus Tiflis nach Wladikawkas. Als er Anfang 2003 den alten, sowjetischen gegen einen neuen, russischen Pass ersetzen wollte, musste Bagrow dafür nochmals die russische Staatsbürgerschaft beantragen. Er bakam sie. Doch nach der Razzia durch den FSB im Sommer 2004 behaupteten die Behörden plötzlich, Bagrows Staatsbürgerschaft sei nicht registriert. Ende Dezember 2004 wurde Bagrow in einem manipulierten Prozess verurteilt. Sechs Wochen später forderte Alexander Tatko, Geheimdienstchef Nordossetiens, den Innenminister auf, Bagrow auszuweisen. Nachdem das New Yorker Komitee zum Schutz von Journalisten (CPJ), die "Reporter ohne Grenzen" und das US-Außenministerium Bagrows Fall aufgriffen, schreckte der Innenminister vor der Ausweisung zurück. Anfang März stellte Bagrow einen neuen Antrag auf Staatsbürgerschaft und Pass. Der Erteilung muss freilich auch der FSB zustimmen. "Mein einziges Dokument ist die Kopie des Antrages auf Ausstellung eines Passes", sagt Bagrow. "Damit komme ich hier im Kaukasus, wo alle paar Kilometer eine Polizeikontrolle aufgebaut ist, kaum aus der Stadt, geschweige denn nach Inguschetien oder Tschetschenien." Sein Auto hat Bagrow verkauft. "Der FSB beschattet mich weiter; es wäre für ihn leicht, mir bei einer Fahrzeugkontrolle etwa Rauschgift unterzuschieben", glaubt er. Seinen Anfang Juli geborenen Sohn konnte Bagrow nur anmelden, weil die Beamtin seinen Führerschein als Ausweis akzeptierte. Seit Mai hat der Reporter zumindest an Dienstagen und Donnerstagen wieder gut zu tun: An diesen Tagen findet der Prozess gegen den einzigen überlebenden Geiselnehmer aus der Schule von Beslan statt - praktischerweise in einem Gerichtsgebäude im Zentrum von Wladikawkas. Schikanen wie die gegen Jurij Bagrow sind in Russland keine Ausnahme. Das Engagement westlicher Organisationen schützt Bagrow offenbar - bisher - vor einem noch schlimmeren Schicksal. Ali Astamirow, Mitarbeiter der Agence France Presse (afp) in Tschetschenien und im benachbarten Inguschetien, wurde am 4. Juli 2003 von maskierten Bewaffneten entführt. "In den Monaten zuvor bekam Astamirow anonyme Drohungen", sagt Michel Viatteau, Moskauer Bürochef von afp. "Ali lieferte nicht nur offizielle Verlautbarungen, sondern auch Informationen der Rebellen und interviewte auch (den ehemaligen Präsidenten und Rebellenführer) Aslan Maschadow." Seitdem fehlt von Astamirow jede Spur. "Es gibt keinerlei offizielle Erkenntnisse über die Entführer", sagt Bürochef Viatteau. "Inoffiziell haben wir gehört, dass er von einem Kommando moskautreuer Tschetschenen entführt wurde. Sehr wahrscheinlich wurde er ermordet." Die Journalistin Fatima Tlisowa, die in Karatschajewo-Tscherkessien ihre Laufbahn begann, kann die Monate an einer Hand abzählen, in denen sie in den vergangenen acht Jahren nicht beschattet, bedroht oder zusammengeschlagen wurde. Nach einem Artikel über einen korrupten Major und Kindesentführer kam der Major mit einem Blumenstrauß in die Redaktion - und zog unter den Blumen einen Revolver hervor. Nur die Wachen verhinderten Schlimmeres. Nach einem Bericht über einen General der Grenztruppen, der sich eine tschetschenische Waise als Zwangsgeliebte hielt und zur Unterhaltung Untergebenen Kartoffeln vom Kopf schoss, schlugen professsionelle Schläger Tlisowa vor ihrer Haustür zusammen und brachen ihr mehrere Rippen. Ein Jahr arbeitete Tlisowa für ein neues Kaukasus-Programm von Radio Liberty in Prag. Anfang 2004 kehrte sie in den Kaukasus zurück und ließ sich in Naltschik nieder, Hauptstadt der Nachbarrepublik Kabaldino-Balkarien. Im Juli 2004 deckte sie auf, dass das Gesundheitsministerium mehrere hunderttausend Euro veruntreut hatte, die für den Kauf von Insulin für die Zuckerkranken der Region vorgesehen waren. Die korrupten Beamten begnügten sich mit Drohungen am Telefon. Dann interviewte Tlisowa einen angeblichen Islamistenführer und berichtete über die Ermordung eines angeblichen Islamisten durch die Polizei. "Moskau überweist für den ,Kampf gegen den Terrorismus' in Kaukasus viele Millionen Dollar", sagt Tlisowa. "Also werden bei uns immer neue Staatsfeinde geschaffen." Offiziere von Polizei und Geheimdienst beschimpften Tlisowa als "Terroristenhelferin" und drückten glühende Zigaretten auf ihren Fingerspitzen aus. Ihr Telefon in ihrer Wohnung in Naltschik wird ebenso überwacht wie ihr Internetzugang. In der Stadt hat der FSB vor einigen Monaten alle unabhängigen Internet-Cafés schließen lassen. Nach den Drohungen stellte die Moskauer Wochenzeitung Nowaja Gaseta Tlisowa an. Auch die Associated Press veröffentlicht Tlisowas Berichte aus dem Kaukasus. In ihrer Heimat Karatschajewo-Tscherkessien freilich wird die Journalistin nicht einmal zu Pressekonferenzen zugelassen. Wer dort akkreditiert werden will, muss erst drei gefällige Artikel über die Arbeit der Regierung vorlegen.
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© G. Braun, Interkulturelles Forum e.V., 2002