Nachrichten aus Tschetschenien
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Die Wolken über Tschetschenien Neue Zürcher Zeitung 18. September 2004 Gespräch mit dem Schriftsteller Apti Bisultanov Der tschetschenische Dichter Apti Bisultanov lebt seit zwei Jahren in Deutschland, nachdem er als Partisan im Tschetschenien-Krieg gekämpft hatte. Experimente mit traditionellen Genres der tschetschenischen Literatur findet man in seinen Gedichten ebenso wie freie Verse. Religion und Poesie lassen sich nicht trennen, meint Bisultanov. «Mit beiden Händen das Herz fassen «Die Schönheit der Poesie hat mit dem wirklichen Leben der Menschen nichts mehr zu tun», sagt Bisultanov. «Es heisst, nach Auschwitz seien keine Gedichte mehr möglich. Und dies gilt auch für Tschetschenien.» Bisher sind von ursprünglich einer Million Für einen religiösen Menschen gibt es keine Zufälle, und so erkennt Bisultanov auch im Tschetschenien-Krieg einen tieferen Sinn. «Künde der Welt, die Tschetschenien opfert, / Dass für die Welt Tschetschenien brennt», heisst es in einem der wenigen Gedichte, die er während des Krieges geschrieben hat. «In Tschetschenien liegt die Welt offen zutage», erklärt er. «Man erfährt die Wahrheit über das Verhältnis der Russen zu den Tschetschenen, der Russen untereinander, der Tschetschenen untereinander. Und in ihrem Schweigen zum Krieg zeigt auch die übrige Welt ihr wahres Gesicht.» Erst wenn Kinder getötet würden, interessiere sich die Welt für den Konflikt - dies habe die Geiselnahme von Beslan offenbart. Für die tschetschenischen Opfer jedoch interessiere man sich auch dann nicht, wenn Kinder umgebracht würden. Nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen sind in den vergangenen fünf Jahren mindestens 40 000 Kinder umgekommen. «Aber auch wenn es 30 000 wären, oder 1000, oder nur eines - es sterben Kinder», sagt Bisultanov, der selbst Vater ist. «Beslan war bisher die grausamste, schrecklichste Widerspiegelung des tschetschenischen Kriegs. Beslan ist Tschetschenien.» Die Gleichgültigkeit des Westens habe auch mit der Religionszugehörigkeit der Tschetschenen zu tun: Wären die Tschetschenen keine Muslime, würde der Westen anders reagieren. Dass religiöse Gründe jedoch für den Krieg selbst eine Rolle spielen, weist Bisultanov entschieden zurück. Es handle sich um den Widerstand gegen eine Besetzungsmacht, alles andere sei pure Propaganda. Die Zahl der ausländischen Kämpfer auf tschetschenischer Seite schätzt er auf zehn bis höchstens zwanzig, und dass sich vor allem die junge Generation den Islamisten zuwende, sei eine Folge des Krieges - der Westen jedenfalls habe ihnen bisher keine Hoffnung gegeben. Von der Leidensgeschichte des tschetschenischen Volks zeugt die Geschichte jeder einzelnen Familie. Bisultanovs Vater kämpfte in der Roten Armee und wurde, trotz einer Verwundung, im Februar 1944 direkt von der Front als «Volksfeind» mit dem gesamten tschetschenischen Volk nach Kasachstan deportiert. Fünf der zehn Kinder verhungerten, und Apti war als Jüngster der Einzige, der 1959 wieder in der Heimat geboren wurde. Er war sechs Jahre alt, als der Vater an seiner Kriegsverletzung starb. Seine Mutter ist letztes Jahr 89-jährig gestorben, nachdem sie die vollständige Zerstörung ihres Dorfs Goitschu miterlebt hatte.
Im Winter 2000 wurde es von russischen Soldaten umstellt. Die Frauen, Kinder und Alten wurden auf ein schneebedecktes Feld getrieben, wo sie zehn Tage unter freiem Himmel ausharren Das Poem «Chaibach» ist vor zwanzig Jahren entstanden, und es gehört zu jenen Gedichten Bisultanovs, die man ohne Kenntnis der tschetschenischen Geschichte nur als Schatten wahrnimmt. Als die Sowjets im Februar 1944 in das Dorf Chaibach kamen, konnten sie die Bewohner wegen des hohen Schnees nicht deportieren. So sperrten sie 700 Menschen in einen Stall und verbrannten sie dort lebendigen Leibes. Apti Bisultanov rezitiert einige Strophen des vielgestaltigen Langgedichts in seiner Muttersprache, die mit ihren Kehllauten und den Vokalverbindungen für europäische Ohren vollkommen fremd klingt; man hört sofort, wie stark sich die traditionellen Genres, mit denen er experimentiert, in Rhythmus und Kadenz unterscheiden. Neben solchen national gefärbten Gedichten gibt es andere, die auch für nicht-tschetschenische Leser unmittelbar verständlich sind. Die Kraft der Bilder lässt ahnen, dass Bisultanov in seiner Dichtung «an einen Ort gelangt, wo noch niemand war», wie Joseph Brodsky die Aufgabe des Dichters formulierte. Man liest etwa von Gedanken, die als «weisse Lämmer» nachts «auf den blauen Wiesen meiner Träume» weiden. Ein zentrales Motiv ist das Herz: ‹‹Das runde Nest im Geäst / Mein Herz / Im Rippengestrüpp», heisst es im Gedicht «Röntgen». Kaum je ist das Herz ein Hort
privater Gefühle. Es ist «gewaltiger als die Welt», und es schlägt für das Schicksal
des ganzen Volkes. Das Herz ist Sitz der Tapferkeit und eines unbeugsamen Stolzes,
der auch Apti Bisultanovs Haltung bestimmt, übrigens ohne jedes Pathos. Die Anekdoten,
die er aus dem Krieg erzählt, bezeugen den Freiheitswillen der Tschetschenen, die in Mann gegen Mann Der Krieg ist für Apti Bisultanov kein Tabu, sondern eine Erfahrung. Als er in den Krieg gezogen sei, habe er aufgehört zu rauchen und auch sonst keine Sünden begangen, denn er wollte mit reinem Herzen vor den Schöpfer treten. «Im Krieg sind die Dinge das, was man sie nennt. Ein Feind ist ein Feind, ein Freund ein Freund. Schmerz ist Schmerz, und Freude ist wirklich Freude.» Damals habe er gedacht, er werde nie wieder Gedichte schreiben. Erst als er vor zwei Jahren direkt aus den
tschetschenischen Wäldern nach Berlin ans Literaturfestival kam, sah er die Dinge anders. Im Publikum seiner Lesung sassen, neben einem Dutzend Exil-Tschetschenen, nur ein paar wenige Deutsche. Diese jedoch bekamen etwas zu hören, was sie noch nie gehört hatten. Mit geschlossenen Augen rezitierte der Dichter-Partisan, gezeichnet von den Entbehrungen der Wälder, das Poem «Chaibach». Es war eine Begegnung
mit der Ästhetik einer anderen Welt. «Ich bin den Deutschen wohl zu archaisch», meint Sieglinde Geisel
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