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Ein Verlust für die Russen
Apti Bisultanow, Gefährte des getöteten Aslan Maschadow, über den Krieg in Tschetschenien
Berliner Zeitung, 10.3. 2005
Aslan Maschadow, der Führer der tschetschenischen Separatisten und Präsident der Regierung, der auch Sie angehören, ist am Dienstag getötet worden. Haben Sie eigene Informationen über sein Ende? Ramsan Kadyrow, der Sohn des vor einem Jahr ermordeten pro-russischen Präsidenten, sagt, seine Leute hätten Maschadow gestellt.
Kadyrow hatte damit gar nichts zu tun. Er ist ein schwachsinniger Mensch, der sich einfach über den Tod eines Gegners freut, mehr nicht. An dieser Operation nahm eine große Gruppe russischer Truppen teil. Ich habe meine eigenen Quellen und genug Informationen, um anzunehmen: ohne Verrat ging das nicht ab. Tolstoi-Jurt, wie es die Russen nennen, liegt ganz im Norden Tschetscheniens. Die Region gilt als Aufmarschbasis der Russen, normaler Weise werden solche Strafoperationen, wie diese eine gewesen sein soll, da nicht durchgeführt. Viele Zeugen sagten, dass eine riesige Armee, die buchstäblich ganz Grosny erschütterte, sich zu dem Dorf bewegte und es umzingelte. Das hat mit Zufall nichts zu tun.
Seit wann kannten Sie Maschadow?
Seit dem Moment, als er nach Tschetschenien kam und um die Unabhängigkeit kämpfte. Konkreten Kontakt hatte ich, seit er 1996 zum Präsidenten gewählt worden war. 1999, Monate vor dem Ausbruch des so genannten zweiten Tschetschenienkriegs, wandte er sich an mich und fragte, ob ich Vizepremier werden und diese Verantwortung tragen wolle. Ich habe fast einen Monat gezögert. Dann habe ich ihn getroffen und gemerkt, dass er ein vollkommen ehrlicher Mensch ist, und dass ich auch meine Pflicht erfüllen muss, obwohl ich eigentlich Dichter bin. Seither war ich ihm direkt unterstellt. Mein einziger Stolz ist, dass ich ihn nie verraten habe.
Maschadow war ein hoher Offizier der Sowjetarmee, bevor er tschetschenischer Präsident wurde und schließlich im Untergrund gegen jene Armee kämpfte, der er früher angehört hatte. Merkte man ihm den sowjetischen Offizier an?
Er hatte große theoretische Kenntnisse. Außerdem war ihm gewissermaßen der sowjetische oder russische Raum kein bisschen fremd. Er suchte, hoffte und glaubte immer, dass es auf der anderen Seite auch ehrbare Leute, Menschen seiner Schule gebe. Ich würde umgekehrt sagen: Er war auch in der Sowjetarmee immer schon Tschetschene und blieb es im Tode.
Er ist wohl auch der letzte tschetschenische Führer dieser Generation mit sowjetischem Hintergrund .
Es gibt neue Führer. Aber er war wohl wirklich einzig in dem Sinne, dass er bis zum Zeitpunkt seines Todes die Hand ausstreckte für Friedensgespräche. Ich bin sicher, mit Maschadows Tod beginnt der Krieg erst richtig. Die Suche nach einer friedlichen Lösung wird viel, viel schwieriger, und zwar im gesamten Nordkaukasus. Maschadows Untergang ist ein großer Verlust.
Auch für die Russen?
Für die zuallererst. Putin sah in Maschadow aber keinen Partner, den man sich für Friedensverhandlungen bewahren muss. Er nannte ihn einen Banditen, der mit dem Terroristen Bassajew unter einer Decke stecke.
Das ist doch völlig offenkundig, warum: Maschadow war vor aller Welt der legitime Präsident Tschetscheniens, gewählt unter Aufsicht der OSZE.
die Wahlen waren allerdings auch schon zehn Jahre her
nicht ganz, 1996 ist er gewählt worden. Und seither haben wir schon sechs Jahre Krieg. Wie soll man in einem blutigen Krieg neue Wahlen durchführen? Trotzdem haben die Russen ein widerrechtliches Referendum durchgeführt und die Leute mit dem Maschinengewehr zum Abstimmen gezwungen, und dann gab es so genannte Wahlen, und dann wurde gesagt: die tschetschenische Frage ist gelöst. Schluss! Gibt's nicht mehr! Ein lebender Maschadow aber war die Widerlegung dieser Lüge. Das haben sie verstanden und ihn deshalb mehr gehasst als alle anderen. Sie dachten, wenn sie ihn umbringen, töten sie die Idee der tschetschenischen Unabhängigkeit. Aber Ideen kann man nicht umbringen.
Wie war denn nun zuletzt sein Verhältnis zu Bassajew? Bassajew stand nach eigenen Aussagen sogar hinter der grausamen Geiselnahme von Beslan.
Nach der Geiselnahme in Beslan hat Maschadow gesagt, dass er bei minimalen Sicherheitsgarantien selbst kommen wird, um die Kinder zu retten. Das war kein Spiel, das war ehrlich gemeint. Schon nach dem Geiseldrama im Musical-Theater Nord-Ost war es zum Bruch zwischen Maschadow und Bassajew gekommen. Bassajew verließ damals das Verteidigungskomitee - die tschetschenische Regierung - und führte seither seine eigene Organisation Riadus Salahin. Natürlich war es in so einer Kriegssituation gegen einen gemeinsamen Aggressor klar, dass Maschadow und Bassajew nicht gerade als Feinde gegeneinander kämpfen würden. Aber Kampfgenossen waren sie seither nicht mehr. Was gewisse Kontakte nicht ausschloss, und deshalb wurde dann Maschadow als Terrorist ausgegeben.
Was sollte die EU jetzt tun?
Zuerst möchte ich der EU sagen: den Tod Maschadows, der dauernd an das Gewissen Europas appelliert hat, hat sie selbst auf dem Gewissen. Und zweitens: wer meint, mit Maschadows Tod sei der Willen der Tschetschenen gestorben, täuscht sich. Europa muss die elementare Verantwortung für das Schicksal der Tschetschenen übernehmen - und vor allem für das Schicksal Russlands.
Und das heißt konkret?
Man muss eine politische Lösung suchen. Eine andere gibt es nicht, auch wenn man tausend Maschadows tötet. Und es gibt außer Europa auch keine andere Macht, die darauf drängen wird. Eine Ausweitung des Krieges wird sehr gefährliche Folgen haben. Im ganzen Nordkaukasus gibt es Kämpfe und Kampfzentren, die dem tschetschenischen Widerstand unterstehen.
Was heißt hier "tschetschenischer Widerstand"? Unterstehen sie Maschadow oder Bassajew?
Bisher unterstanden sie der legitimen tschetschenischen Führung. Aber wenn diese selbstmörderische Politik weiter geht, dann halte ich es für gut möglich, dass sie in der nahen Zukunft alle Bassajew unterstehen werden.
Das Gespräch führte Christian Esch.
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