Nachrichten aus Tschetschenien

 

Flüchtlinge
Gescheitert an der Festungsmauer


FR-online 23.6.2008 
Von Knut Krohn


Grau ist es hier. Steingrau im Hof, grau gemaserter Linoleumboden in den Zimmern und vom Rest der Welt trennt die Menschen eine hellgraue, hohe Wand aus Wellblech. Dahinter können sie grün bewaldete Hügel sehen. Zweimal am Tag hören sie einen Hubschrauber, der im Tiefflug über die Landschaft röhrt. Dann wissen die Menschen in den grauen Baracken, dass wieder gesucht wird nach solchen wie ihnen. Den Flüchtlingen. Aus Pakistan kommen sie, aus Sri Lanka, Moldawien oder Vietnam. Die meisten aber stammen aus Tschetschenien. Wochenlang waren sie unterwegs, auf der Flucht vor Krieg und Armut, gestrandet sind sie hier, in Przemysl, im äußersten Südosten Polens, aufgegriffen an der Grenze zur Ukraine.

Rund 400 Menschen sind es jedes Jahr, die beim Versuch erwischt werden, illegal in den Westen zu gelangen. Wie viele es schaffen, weiß niemand. Ihre Zahl, so schätzt man, liegt um ein Vielfaches höher. Kaum jemand versucht es noch auf eigene Faust. Die meisten geben ihr Schicksal in die Hand von professionellen Schleuserbanden, gut organisierte kleine Unternehmen, die ihre Geschäfte mit der Not der Menschen machen. Ihre übliche Methode: Sie führen die Flüchtlinge in der Ukraine an die Grenze, instruieren sie genau, holen sie auf der anderen Seite in Polen wieder ab - und kassieren dafür rund 3000 Dollar. Wer nicht bezahlen kann, muss in Polen seine Schulden "abarbeiten".
Wer von den Grenzbeamten aufgegriffen wird, der landet erst einmal im Auffanglager bei Przemysl. Dort wird versucht, die Personalien der Menschen aufzunehmen, von denen die meisten ihren Pass weggeworfen haben und unglaubliche Geschichten erzählen, nur um nicht in ihre Heimat zurückgeschickt zu werden. Oft sind es ganze Familien, die in den Baracken in Sechs-Bett-Zimmern untergebracht werden. Damit die lähmende Langeweile nicht allzu sehr aufs Gemüt der Eingesperrten schlägt, gibt es eine kleine Bibliothek und eine Spielesammlung. Für die Kinder wurde eine Art Kindergarten und eine Schule organisiert.

Doch mehr als das Nichtstun zehrt die Ungewissheit darüber an den Nerven, wie das Leben weitergeht. Dabei wissen die Flüchtlinge genau, dass die Statistik gegen sie spricht: Nur drei Prozent der Asylanträge von Tschetschenen werden von den Behörden in Warschau anerkannt - ein Zustand, der von Menschenrechtsgruppen immer wieder heftig kritisiert wird. Daher sehen die meisten Flüchtlinge aus dem umkämpften Kaukasus Polen vor allem als Transitland in Richtung Westen. Ihr häufigstes Ziel ist Österreich, wo mehr als 90 Prozent der Asylsuchenden Erfolg haben.

Immer wieder erklären die tschetschenischen Flüchtlinge, dass die Auslieferung nach Russland für sie den sicheren Tod bedeute. Der Krieg sei nicht zu Ende, die Kreml-Truppen würden mit unverminderter Brutalität gegen die Menschen in Tschetschenien vorgehen. Deshalb nehmen sie die Strapazen und Gefahren auf sich.

Die dramatischen Bilder halb verdursteter afrikanischer Flüchtlinge, die in ihren seeuntüchtigen Booten an der Küste Spaniens stranden, gehen ständig um die Welt. Was sich jedoch an der 1300 Kilometer langen polnischen Grenze im Osten der Europäischen Union abspielt, wo jedes Jahr mehrere tausend Menschen versuchen, die Festung Europa zu erstürmen, ist selten eine Nachricht wert.

Erst als im vergangenen September drei tschetschenische Mädchen in den Bergen zwischen der Ukraine und Polen jämmerlich ums Leben kamen, horchte die Öffentlichkeit kurz auf. Vier Tage war die Mutter mit ihren Kindern an der Grenze entlanggeirrt. In mehr als 1000 Metern Höhe brachen die Mädchen von den Strapazen und der Kälte entkräftet zusammen und erfroren. Die Mutter wurde kurz darauf völlig erschöpft zusammen mit ihrem zweijährigen Sohn gefunden.

Die Grenzbeamten in Przemysl reden nicht gerne über die Schicksale der Menschen, denen sie nachstellen. Lieber demonstrieren sie die Geräte, mit denen sie auf Patrouille gehen. Neue Geländewagen stehen auf dem Hof einer kleinen Kaserne in der Nähe des Auffanglagers, nur drei Kilometer von der polnisch-ukrainischen Grenze entfernt. Im Sommer wird die Grenze zusätzlich mit Motorrädern abgefahren, im Winter mit Motorschlitten. Im Hubschrauber sind modernste Wärmekameras und Nachtsichtgeräte installiert, die jeden Menschen auch bei tiefster Dunkelheit erfassen. Zudem wird die Grenze von stationären Kameras überwacht, deren Bilder in einer Leitzentrale in der kleinen Kaserne ausgewertet werden.

Inzwischen sind die Grenzschützer in der Lage, GPS-Signale genau zu orten, mit denen die Schleuser ihre Positionen im unwegsamen Gelände bestimmen. "Wir tun hier unseren Dienst", sagt einer der Beamten schließlich. "Hier ist die Außengrenze der Europäischen Union und die schützen wir, so gut wir können."

Aus: FR-online 23.6.2008




 

 

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