Nachrichten aus Tschetschenien

 

In Tschetschenien ist die Angst allgegenwärtig
Bericht: Angebliche Rebellen entführen und töten nicht nur junge Männer, sondern ermorden auch Frauen, Heranwachsende und Alte
Der "dreckige Krieg" in Tschetschenien geht unvermindert weiter. Menschenrechtler berichten von Entführungen, Mord, Folter und Raub in der Kaukasus-Republik.
Frankfurter Rundschau vom 17.2.2005 - VON FLORIAN HASSEL

Moskau · 17. Februar 

Als Anne Neistat und Alexander Petrow vom Moskauer Human Rights Watch-Büro (HRW) sich Ende Januar nach Tschetschenien aufmachten, rechneten sie nicht mit Überraschungen. Schließlich reisen die Menschenrechtler seit Beginn des zweiten Tschetschenienkriegs im Spätsommer 1999 in den Kaukausus. Doch die zweiwöchige Recherche - Grundlage für einen im März erscheinenden Report - schockte selbst die Experten.

In Grosnij, Gudermes und acht weiteren Städten Tschetscheniens dokumentierten die Menschenrechtler rund 60 Fälle von Entführung, Mord, Folter und Raub. Dies ist aber nur die Spitze des Eisberges. "Allein im vergangenen Jahr sind offenbar mehr als 1000 Menschen entführt worden, die meisten sind spurlos verschwunden", berichtet Neistat.

Die Menschenrechtsorganisation Memorial schätzt, dass in Tschetschenien seit 1999 zwischen 3000 und 5000 Menschen entführt wurden. "Nirgendwo auf der Welt verschwinden mehr Menschen spurlos", so Neistat. "Wer glaubte, die Lage in Tschetschenien könne sich nicht mehr verschlechtern, hat sich getäuscht. Der dreckige Krieg geht mit voller Kraft weiter." Memorial hat für 2004 bisher 394 Entführungen dokumentiert, erfasst aber nicht einmal ein Drittel der kriegserschütterten Republik. Vor allem der gebirgige Süden - Rückzugsgebiet der Rebellen - ist von der Außenwelt praktisch abgeschnitten. Nur selten dringen Nachrichten über Entführungen und Morde nach außen. Dazu kommt, dass viele Angehörige Entführter sich weder an die Behörden wenden noch sich - anders als zuvor - Menschenrechtlern anvertrauen. In Tschetscheniens zweitgrößter Stadt Gudermes erlebten Neistat und Petrow "eine Atmosphäre allumfassender Angst".

Gudermes ist der Stützpunkt des moskautreuen Clanführers Ramsan Kadyrow. Dieser befiehlt als Vize-Premier der von Moskau eingesetzten Regierung Polizei und Sicherheitsdienste und herrscht über mehrere Tausend Bewaffnete des so genannten "Sicherheitsdienstes des Präsidenten". Zwei Drittel der Entführungen und Morde werden HRW zufolge von solchen tschetschenischen Einheiten begangen. Alle unterstehen russischem Oberbefehl oder gehören unmittelbar zur GRU, dem Geheimdienst des russischen Generalstabes.

Direkt verüben russische Einheiten ein Drittel der Entführungen und Morde, so die Menschenrechtler. Vier Männer der Familie Ilajew zum Beispiel wurden von Maskierten auf russischen Schützenpanzern entführt - nur wenige Wochen, nachdem ihr Flüchtlingslager im benachbarten Inguschetien gewaltsam geschlossen wurde und die Familie ins angeblich sichere Tschetschenien zurückkehren musste.

Das Klima der Angst ist HRW zufolge größer als in der militärischen Hochphase des Krieges. "Als die Bomben fielen, wussten die Menschen, dass sie sich verstecken oder nach Inguschetien fliehen konnten. Jetzt haben sie keinen Zufluchtsort mehr und müssen jede Nacht mit dem Klopfen an der Tür rechnen." Die Rebellen seien höchstens "minimal an Entführungen beteiligt", so Neistat und Petrow. "Wir konnten nicht einen einzigen derartigen Fall belegen, obwohl wir intensiv nachgeforscht haben."

Wurden in den ersten Kriegsjahren fast nur junge Männer als angebliche Rebellen entführt und ermordet, so trifft es nun zunehmend auch Frauen, Alte und Heranwachsende.

Dossier: Tschetschenien - der vergessene Krieg

 


 

 

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