|
Maschadow fordert Tribunal gegen Bassajew
Tschetscheniens untergetauchter Präsident will Kriegsverbrechen beider Seiten untersuchen lassen
Frankfurter Rundschau
27.09.2004,
von Karl Grobe
Einen Kriegsverbrecherprozess gegen den Warlord Schamil Bassajew fordert der im Untergrund lebende Präsident Tschetscheniens, Aslan Maschadow. Nach Kriegsende solle ein internationales Tribunal über Verbrechen beider Seiten zu Gericht sitzen.
Frankfurt a. M. · 26. September · Maschadow distanzierte sich nochmals nachdrücklich von dem Geiselverbrechen in Beslan, das er ausdrücklich als Terrorakt bezeichnete. Bassajew hatte vor einer Woche behauptet, für die Aktion verantwortlich gewesen zu sein, bei der mehr als 1500 Schulkinder und Angehörige zu Geiseln genommen und mehr als 300 - auch im Zusammenhang mit einer schlecht vorbereiteten Befreiungsaktion - getötet worden waren.
Maschadow erklärte über den Pressedienst der "Tschetschenischen Republik Itschkeria", unter Kriegsbedingungen sei es "unglücklicherweise praktisch unmöglich", die Schuldigen solcher Verbrechen vor Gericht zu stellen. Das müsse nach Kriegsende unverzüglich geschehen. Dabei nannte er Bassajew bei Namen. Als Ursache der anwachsenden Zahl der Terrorakte bezeichnete Maschadow den "russischen Völkermordkrieg gegen das tschetschenische Volk", dem 250 000 Menschen zum Opfer gefallen seien, darunter 42 000 Kinder. Ein internationales Tribunal müsse die Kriegsverbrechen beider Konfliktparteien umfassend untersuchen.
Maschadow forderte eine politische Lösung des Konflikts, die internationale Garantien gegen Völkermord biete. Russlands Präsident Wladimir Putin hatte bis zur Geiselnahme in einem Moskauer Musical-Theater im Oktober 2002 indirekte Kontakte zu Maschadow gehalten. Seither bezeichnet er Maschadow öffentlich als Terroristen, mit dem nicht verhandelt werden könne. Für die Moskauer Geiselnahme hatte allerdings ebenfalls Bassajew die Verantwortung übernommen.
Während der jüngsten Geiselnahme in Beslan suchte Moskau am 3. September erneut Kontakt zu Maschadows. Der tschetschenische Politiker vereinbarte mit Putins Regionalbeauftragtem Aslanbek Aslachanow, sich als Vermittler zur Verfügung zu stellen. Bevor es dazu kommen konnte, eskalierte die Situation in der Schule aber.
In der tschetschenischen Hauptstadt Grosny trat am Wochenende eine Konferenz über "die Wiedergeburt nach dem Krieg" zusammen. Der Menschenrechtskommissar des Europarates, Alvaro Gil-Robles, sagte als Schirmherr, die Konferenz sei "sehr fruchtbar" und werde "an höchster Stelle in Moskau" gut geheißen. Teilnehmer sind außer russischen Regime-Vertretern die Bürgerrechtsbewegung Memorial, die Helsinki-Gruppe und tschetschenische Menschenrechtsgruppen sowie die Moskauer Menschenrechts-Beauftragten Ella Pamfilowa und Wladimir Lukin. Ein Repräsentant Maschadows ist nicht dabei.
|