Nachrichten aus Tschetschenien

 

Mit Flammenwerfern und Panzern gegen die Schule in Beslan
Russisches Militär und Polizei setzten bei der Geiselbefreiung schwere Waffen ein / "Überlebende des ersten Sturms ohne Chance"
FR 18.10.2004

Russische Sondereinsatzkräfte haben bei dem Sturm auf die Schule in Beslan offenbar Flammenwerfer und schwere Panzer sowie Kampfhubschrauber eingesetzt. Dies bestätigten nun Parlamentsabgeordnete.
VON KARL GROBE

Frankfurt a. M. · 15. Oktober · Einen ersten Bericht über den Einsatz schwerer Waffen während der Geiselaffäre Anfang September hatte Militärspezialist Pawel Felgenhauer vor einer Woche in der Moskauer Nowaja Gaseta veröffentlicht. Ein Mitglied der Parlamentskommission, die die Geiselnahme und die Befreiungsaktion untersucht, bestätigte der BBC nun die Angaben.

Laut Felgenhauer handelte es sich "nicht um eine Sonderoperation zur Geiselbefreiung, sondern um eine militärische Operation, die um jeden Preis die Kämpfer vernichten sollte". Während nach den ersten Schießereien an der Schule, in der eine bewaffnete Bande rund 1500 Kinder und Erwachsene festhielten, noch über die Freilassung der Geiseln verhandelt worden sei, habe die Sondertruppe (Speznaz) bei ihrem Angriff Flammenwerfer vom Typ "Schmel" eingesetzt, wie Augenzeugen und Fernsehbilder belegten. Diese Flammenwerfer dürfen gemäß der Genfer Konvention von 1980 nicht gegen Gebäude eingesetzt werden, in denen sich eine größere Zahl Zivilisten aufhält.
"Schreckliche Wahrheit"

Kommissionsmitglied Arkadi Baskajew bestätigte diese Angaben dem russischen Dienst der BBC. Ein Journalist aus Beslan berichtete, er habe gezielten Beschuss durch schwere Kampfpanzer beobachtet. In Russland griff nur der unabhängige Internet-Dienst News.ru das Thema auf. Gegen die eingesetzten Waffen hätten etwaige Überlebende des ersten Sturms keine Chance gehabt.

Unabhängige Quellen schätzen, dass nicht 331, sondern wohl mehr als 600 Todesopfer zu beklagen seien. Der Duma-Abgeordnete Juri Saweljew bemerkte, "die Wahrheit über die wirklichen Organisatoren des Terrorangriffs" sei "so schrecklich", dass man sie nicht veröffentlichen könne.

Für die Geiselnahme hatte sich der tschetschenische Warlord Schamil Bassajew verantwortlich erklärt. Der 1997 gewählte, im Exil lebende Präsident Tschetscheniens, Aslan Maschadow, forderte daraufhin ein Gerichtsverfahren gegen Bassajew und Kriegsverbrecher aller beteiligten Parteien. Bassajew, der auch die Besetzung des Moskauer Musical-Theaters im Sommer 2002 organisiert haben will, wird seit 1994 von den Behörden gesucht. Die St. Petersburg Times wies Anfang der Woche unter Berufung auf Geheimdienstkreise darauf hin, dass er über zahlreiche Freunde in ganz Nordkaukasien verfüge und sich der Verfolgung auch durch Bestechung entziehe.
Bassajews Helfer

Auf russischer Seite hatte Bassajews Freischar 1991 gegen Georgien gekämpft. Zahlreiche Angehörige dieser Truppe seien in den russlandtreuen Polizeidienst in Tschetschenien eingegliedert worden. Sie seien jederzeit bereit, Bassajew zu helfen. Ein tschetschenischer Angehöriger der Geheimdiensttruppe Omon sagte zur St. Petersburg Times, "die Föderalen" - die bewaffneten Einheiten der Moskauer Zentralregierung - "brauchen ihn, um den Krieg in Tschetschenien fortsetzen zu können". Ein anderer Geheimdienstoffizier meinte, "jemand im Militär oder den Diensten schützt Bassajew".

Dossier: Tschetschenien - der vergessene Krieg



 

 

______________________________________________________________________________________________________

© G. Braun, Interkulturelles Forum e.V., 2002