Nachrichten aus Tschetschenien

 

Porträt
Mutig
FR 11.09.2004, VON JÖRN BREIHOLZ (HAMBURG)

Die Geschichte ist ganz kurz, wie eine zwinkernde Geste, die Mut machen soll. Libkan Basajewa erzählt sie mit einem Lächeln im Gesicht. Die Geschichte geht so: Stehen zwei Tschetschenen zusammen und ein dritter kommt fragend hinzu: "Dürfen wir heute nach Hause zurückfahren?" Das sei der beliebteste Sinnspruch der Tschetschenen, sagt die Literaturdozentin Basajewa. Und erklärt warum: Mit der Vertreibung durch Stalin kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges sei das Motto in der kasachischen Diaspora entstanden - die stete Frage: Dürfen wir heute zurückfahren?

"Wir leben, damit wir alle bald wieder zusammen sein werden", sagt Basajewa. Vielleicht, so hofft die Tschetschenin, ergehe es ihrer Generation ja so wie der ihrer Eltern, die 13 Jahre lang in Kasachstan auf die Rückkehr gewartet hat und schlussendlich zurückgekehrt ist - in ein Grosny, das bis zu Beginn des ersten Tschetschenienkrieges 1994 die blühende Metropole im Nordkaukasus gewesen sei.

Libkan Basajewa: Tschetschenin, 55 Jahre alt, Mutter von vier Kindern, die mit den zwölf Enkelkindern in drei verschiedenen Ländern außerhalb Tschetscheniens leben, Menschenrechtlerin und vor allem: eine mutige Frau. In Hamburg wird sie die kommenden sechs Monate auf Einladung der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte in einer kleinen Wohnung leben, um sich auszuruhen, Luft zu schnappen von ihrer Arbeit als Dokumentarin der Grausamkeiten dieses mittlerweile zweiten Tschetschenienkrieges. Die Stiftung der Hansestadt, 1986 gegründet, setzt sich für Menschenrechtler aus aller Welt ein.

Vor zehn Jahren änderte sich Basajewas Leben radikal - mit dem Beginn eines Krieges, von dem sie nie geglaubt hat, "wie brutal er plötzlich sein kann". Dessen Härte und gesetzlose Aktionen sie und ihre Mitstreiter anzuhalten hofften, indem sie ihn dokumentierten für die politischen Entscheider in Europa. "Wir sind naiv gewesen in unserem Glauben an Europa", sagt sie heute. Was seien schon Filme, Fotos, Statistiken aus einem kriegszerrütteten Zwergenstaat gegen den "Pragmatismus, der über dem Menschenrecht steht, gegen russisches Öl und Erdgas"?

Nichtsdestotrotz hat sie auch 1999 mit Beginn des zweiten Tschetschenienkrieges weiter gemacht und die Grausamkeiten dokumentiert, inzwischen als Leiterin der ingutschetischen Niederlassung von Memorial, der russischen Menschenrechtsorganisation. Basajewa hat, nachdem sie während eines Bombenangriffs auf einen Flüchtlingstreck über Leichenteile und sterbende Menschen flüchten musste, als erste Tschetschenin den russischen Staat vor dem Europäischen Gerichtshof angeklagt. Sie glaubt an eine tschetschenische Lösung innerhalb Russlands und wird dafür weiter kämpfen, "niemals radikal, sondern im Dialog" - auch die nächsten sechs Monate, bevor sie wieder zurückkehrt in die alltägliche Banalität und Brutalität des Krieges in ihrer Heimat.

Dossier: Tschetschenien - der vergessene Krieg

 

 

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© G. Braun, Interkulturelles Forum e.V., 2002