Nachrichten aus Tschetschenien

 

Nachwuchs für die Kaukasus-Rebellen

Guerillakrieg in Tschetschenien greift auf angrenzende Republiken über / Moskau setzt vor allem auf das Militär
Aus: FR-online vom 23.6.2008
VON FLORIAN HASSEL


Der Polizist Tembulat Bogolow starb am Montag in Nasran. Der 29-Jährige wurde am späten Abend in der Hauptstadt der russischen Kaukaususrepublik Inguschetien erschossen. Wenige Tage vorher, am 1. Juni, war der Parlamentarier Murat Akbajew in der Nachbarrepublik Karatschajewo-Tscherkessien ums Leben gekommen, als er in seinem Auto aus einer Maschinenpistole beschossen wurde. In Tschetschenien tötete am 22. Mai ein Attentäter den Chef einer russischen Aufklärungseinheit auf einem Markt in der Hauptstadt Grosny mit einem Schuss in den Kopf.
Offiziell herrscht Frieden.

Dies ist nur eine kleine Auswahl aktueller Todesmeldungen aus Russlands Süden. Dort weitet sich der Guerillakrieg fast neun Jahre nach Beginn des zweiten Tschetschenienkrieges auf andere Regionen aus.
Offiziell herrscht in Tschetschenien Frieden, nichts störe den friedlichen Wiederaufbau. So stellen es der tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow und das russische Staatsfernsehen dar. Tatsächlich werden auch im kriegszerstörten Grosny ganze Stadtviertel zügig wieder aufgebaut. Doch der Guerillakrieg geht weiter. "Die Zahl der in Tschetschenien getöteten Soldaten und Polizisten übersteigt die der getöteten Rebellen deutlich", befand die Nesawissimaja Gaseta kürzlich. Solche Befunde sind in russischen Zeitungen selten zu lesen.

Die Menschenrechtsorganisation Memorial kommt in ihrer Kaukasus-Kriegschronik für 2008 auf bisher 167 tote und 229 verwundete Uniformierte, Rebellen und Zivilisten. Die tatsächlichen Zahlen sind wesentlich höher. Die Behörden melden viele Todesfälle nicht.

Wie gefährlich die Rebellen noch immer sind, zeigten sie am 19. März. Etwa 50 Rebellen drangen nur 20 Kilometer von Grosny entfernt in das Dorf Alchasurowo ein und zündeten den Verwaltungssitz an. Anfang Mai sprengten sie sogar in Grosny einen neuen Polizeiposten in die Luft, vier Polizisten starben.

Die Ziele der Rebellen sind keineswegs nur leicht bewaffnete tschetschenische Einheiten. Sie greifen auch russische Soldaten und Geheimdienstler von Innenministerium, Verteidigungsministerium und FSB an. Das Innenministerium und der Geheimdienst FSB veröffentlichen ihre Verluste in Tschetschenien nicht.

Längst schlagen die Rebellen aber nicht nur in Tschetschenien zu. Deren Guerillakrieg greift auf alle Nachbarrepubliken über. Vor allem die westlich und östlich anschließenden Regionen Inguschetien und Dagestan sind die neuen Brennpunkte.

Der Kommandeur der Truppen des russischen Innenministeriums schätzte die Zahl der Rebellen in Tschetschenien und den angrenzenden Regionen Ende 2007 auf bis zu 700 - genauso hoch wie schon vor drei Jahren. "Die lokale Bevölkerung unterstützt die Rebellen oder verhält sich neutral, sie widersetzt sich ihnen nicht und liefert sie nicht an die föderalen Kräfte aus", klagte kürzlich ein russischer General.

Der General gab zu, dass sich den Rebellen immer wieder junge Männer anschließen. Alle Regionen des russischen Nordkaukasus sind arm, die Arbeitslosigkeit ist hoch, Korruption weit verbreitet. Stellen im Staatsdienst, oft die einzige Beschäftigungsmöglichkeit, werden ab mehreren Tausend Dollar aufwärts verkauft. In Dagestan kostet schon die Aufnahme an die Polizeischule 7000 Dollar Bestechungsgeld. Das stellt die International Crisis Group (ICG) in einem neuen Bericht über den sich ausweitenden Konflikt in Dagestan fest.

Statt die Korruption zu bekämpfen oder die rückständigen Regionen zu fördern, antwortet der Kreml auf den Konflikt mit mehr Armee, Polizei und Geheimdienst. 2006 kamen auf 100 000 Einwohner im Nordkaukasus 1180 Uniformierte. Die Region ist eine der am stärksten militarisierten der Welt. Doch Kenntnis über den Koran fehlt den Uniformierten im Süden, wo vor allem Muslime leben. Im IGG-Bericht heißt es dazu, junge Männer seien "wegen wenig mehr als ihrem Wunsch, ihr Wissen über den Islam zu erweitern, zur Zielscheibe". Festnahmen und Folter trieben den Rebellen neue Rekruten zu.

Aus: FR-online vom 23.6.2008



 

 

______________________________________________________________________________________________________

© G. Braun, Interkulturelles Forum e.V., 2002