Nachrichten aus Tschetschenien

 

Naturkatastrophen und Luftangriffe erschüttern den Bezirk Itum-Kale in Tschetschenien
28 Tage lang ist das historische Bergdorf Zumsoi schon von der Außenwelt abgeschnitten
Nachricht von Memorial vom Juni 2005

Schwere Regenfälle wurden nun zu einer hinzukommenden schweren Prüfung für die Bewohner des Hochgebirges in Tschetschenien. Heftige Schauer spülten ganze Straßen weg und endeten in Erdrutschen. Am meisten leidet darunter der Bezirk Itum-Kale. Die meisten der Siedlungen sind für Fahrzeuge unpassierbar geworden, während das historisch sehr alte Dorf Zumsoi nun komplett von der Außenwelt abgeschnitten wurde.

Am 1. Juni brach die Straße zwischen dem Dorf Ushkaloj und Zumsoi als Folge von Erdrutschen komplett zusammen. Das Dorf Zumsoi, in dem 8 Familien leben, wurde dadurch völlig von der Außenwelt isoliert und ist nicht nur mehr für den Transport unzugänglich. Selbst für Pferde und Personen bestand keine Möglichkeit mehr, das Umland zu erreichen. Die Erdrutsche verwandelten einen Teil der Straße in einen aufgeweichten Abhang. 

Aufgrund der schweren Zugänglichkeit gab es ohnehin keine organisierte Versorgung nach Zusmoi und die umliegenden Nachbardörfer. Jeden Monat sammelten die Bewohner deshalb Geld, mieteten ein Auto und fuhren in das Bezirkszentrum, der Stadt Itum-Kale (15 km von den Dörfern entfernt), um dort Lebensmittel und Kerosin für jeweils den ganzen Monat zu kaufen.
Während der Regenzeiten benutzten die Bergbewohner bei schlechter Wetterlage gewöhnlich Pferde oder Esel. 

Die jüngste Katastrophe jedoch machte selbst solche Vorhaben für einen Transport unmöglich. Zum jetzigen Zeitpunkt haben die meisten Familien ihre monatlichen Vorräte an Lebensmitteln bereits aufgebraucht. Die Ernte ist außerdem noch nicht ausgereift, sodass die Gefahr einer Hungersnot realistisch ist. Darüber hinaus haben Regenschauer die Böden der Gemüsegärten ausgewaschen. Die Ernte wird dadurch sehr gering ausfallen. Für die alten Bewohner und die kleinen Kinder des Dorfes wird es nun in akuten Notfällen keinerlei Zugang zu medizinischer Hilfe geben. 

Die Bewohner von Zumsoi haben das Bundesministerium und das republikanische Ministerium für Notfallsituationen über ihre Lage informiert, aber es gab keinerlei Reaktionen in den letzten 28 Tagen. In ihrer Verzweiflung gingen einige Bewohner in höchster Lebensgefahr mit Hilfe von Spaten und Pickeln über den Abgrund, um zu Lebensmittelgeschäften zu gelangen. Eine Familie evakuierte ihre Kinder, in dem sie sie sich um den Körper festbanden und den Abgrund entlang gingen. 

Am 25/26. Juni gelang es Beobachtern von Memorial mit denselben Fortbewegungs-methoden in die Dörfer. Sie können die katastrophale Situation bezeugen. 

Das Dorf Zumsoi wurde im 10. Jahrhundert gegründet und ist als tschetschenisches Kulturgut von unschätzbarem Wert. In diesem Dorf existieren noch die antiken Wehrtürme mit den Zeichen und Gravuren aus der vorislamischen Zeit. Die meisten der Bewohner von Zumsoi sind direkte Nachkommen der Gründungsväter. Vor der Deportation 1944 unter Stalin gab es dort 950 Haushalte. Vor dem 2. Tschetschenienkrieg im Jahr 1999 waren es noch 36 Haushalte. Aufgrund der äußerst harten Lebensbedingungen (kein Strom, kein Gas) und wegen der anhaltenden Luftangriffe, denen die Bewohner ausgesetzt sind, verliessen viele Familien Zumsoi. Im Jahr 2005 war das Dorf erneut tagelang Bombardierungen ausgesetzt. Anschliessend landeten Fallschirmjäger und entführten drei Männer und einen Jugendlichen. Bis heute gibt es keinerlei Lebenszeichen von ihnen. Die letzten Luftangriffe um das Dorf wurden am 16. Juni gemeldet.

Derzeitig bleiben 8 Familien in Zumsoi. Alle von ihnen leben unterhalb der Armutsgrenze. Humanitäre Organisationen und die Regierung stellen keine Hilfe für Zumsoi zur Verfügung. Zumsoi ist beispielhaft für die tschetschenischen Bergdörfer. Die Bewohner aus den Gegenden Itum-Kale, Wedeno und Noshaj-Jurt erleben ähnliche Probleme. 


 

 

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© G. Braun, Interkulturelles Forum e.V., 2002