Nachrichten aus Tschetschenien
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Post für Putin Der russische Präsident wird scharf angegriffen. Der reagiert wie gewohnt: gar nicht taz Nr. 7475 vom 30.9.2004 AUS MOSKAU KLAUS-HELGE DONATH In einem offenen Brief an die Regierungschefs der EU- und Nato-Mitgliedstaaten haben zahlreiche namhafte Intellektuelle und Politiker aus den USA und Europa die nachsichtige Politik des Westens gegenüber dem sich zunehmend autoritär gebärdenden Kreml-Chef Wladimir Putin kritisiert. In der Vergangenheit habe der Westen "viel zu häufig geschwiegen in der Hoffnung, dass Präsident Putins Schritte in die falsche Richtung zeitlich begrenzt" seien, heißt es in dem gestern veröffentlichten Brief. Es sei zu befürchten, dass die Eingriffe des Kreml-Chefs in den bisherigen Staatsaufbau nach der Geiselnahme von Beslan auf weitere Machtkonzentration und den Ausbau autoritärer Herrschaft hinausliefen. Zu den prominentesten Unterzeichnern des Briefes gehört der US-Politiker Joseph Biden. Er sitzt für die Demokraten im amerikanischen Senat und gilt wie sein republikanischer Kollege und Mitunterzeichner John McCain als profilierter Außenpolitiker. Mit von der Partie ist auch Richard Holbrooke. Im Falle eines demokratischen Wahlsieges bei den Präsidentschaftswahlen werden Holbrooke gute Chancen als zukünftiger Außenminister eingeräumt. Auch der ehemalige Präsident der Tschechischen Republik Václav Havel, Polens früherer Außenminister Wladyslaw Bartoszewski und Bronislaw Geremek sowie Schwedens Expremierminister Carl Bildt haben den Brief unterschrieben Prominenteste Deutsche sind Grünen-Chef Reinhard Bütikofer und der außenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion Friedbert Pflüger. Die europapolitische Sprecherin der FDP, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, und Grünen-Europaabgeordneter, Cem Özdemir, haben den Brief ebenfalls unterzeichnet. Führende Sozialdemokraten stehen dagegen nicht auf der Absenderliste. In Russland ist die Mahnung offiziell nicht zur Kenntnis genommen worden. Nur der noch unabhängige Radiosender Echo Moskwy und einige Internetdienste gaben den Inhalt des Briefes wieder. Die gleich geschalteten elektronischen Medien verschwiegen die Initiative, und auf die Schnelle wollten sich auch die Pressechefs verschiedener politischer Institutionen gestern nicht zu dem Appell äußern. Eduard Lasanski, Präsident der amerikanischen Universität in Moskau, hält die Initiative für ein "politisches Manöver", das weniger mit Russland als mit dem US-Präsidentschaftswahlkampf zusammenhänge. Als Bürger der euroatlantischen demokratischen Gemeinschaft möchten wir hiermit unsere Sympathie und Solidarität mit den Menschen des russischen Staatenbundes in ihrem Kampf gegen den Terrorismus bekunden. Die Massenmörder, die über die Schule Nummer 1 in Beslan hergefallen sind, haben eine abscheuliche Tat begangen, für die es keinerlei Begründung noch Entschuldigung gibt. Andere Massenmörder mögen Kinder und unbewaffnete Zivilisten getötet haben, doch ist das geplante Abzielen auf viele unschuldige Kinder als Gewaltakt barbarisch, zerstört die Werte und Normen unserer Gemeinschaft, und alle zivilisierten Nationen sollten dies verdammen. Gleichzeitig sind wir zutiefst beunruhigt, dass die tragischen Ereignisse die Demokratiebestrebungen in Russland unterlaufen könnten. Russlands demokratische Institutionen waren schon immer schwach und zerbrechlich. Seit Putin im Januar 2000 Präsident wurde, hat er sie noch mehr geschwächt. Sukzessive hat er die Freiheit und Unabhängigkeit der Presse eingeschränkt, die Schecks und Bilanzen des russischen föderalistischen Systems niedergemacht, seine politischen Rivalen willkürlich eingesperrt, rechtmäßige Kandidaten von den Wahllisten entfernt, NGO-Führer bedroht und verhaftet und weitere russische Parteien geschwächt. Als Reaktion auf die schauerliche Blutbad von Beslan hat Präsident Putin weitere Pläne angekündigt, Macht zu zentralisieren und Mechanismen durchzudrücken, die Russland einen Schritt näher an einen Obrigkeitsstaat bringt. Zudem sorgen wir uns um die Verschlechterung der russischen Auslandsbeziehungen. Präsident Putins Außenpolitik ist zunehmend gekennzeichnet von Drohgebärden gegenüber seinen Nachbarländern und Europas Energiesicherheit, der Rückkehr zu einer militaristischen und imperialistischen Rhetorik sowie der Weigerung, sich nach internationalen Vertragsbestimmungen zu richten. In jeder Hinsicht des politischen Lebens Russlands scheinen die Regierungsmechanismen einer Neuordnung zu unterliegen und die Übermacht der Sicherheitsdienste zu verstärken. Wir sind der Auffassung, dass dieses Verhalten in einer echten Partnerschaft zwischen Russland und den Demokratien der Nato sowie der Europäischen Gemeinschaft inakzeptabel ist. Diese Schritte sind nur ein letzter Beweis dafür, dass sich die russische Führung immer weiter von den zentralen Aspekten demokratischer Wertvorstellungen der euroatlantischen Gemeinschaft entfernen. Nur allzu oft hat der Westen in der Vergangenheit stillgehalten und seine Kritik gezügelt, in dem Glauben, Putins Handlungen in die falsche Richtung seien nur von kurzer Dauer, und in der Hoffnung, Russland würde schon bald auf den demokratischen und prowestlichen Pfad zurückkehren. Westliche Politiker umarmen Putin trotz häufiger Beweise, dass sich das Land in die falsche Richtung bewegt und dass seine Strategie der Terrorbekämpfung zu immer weniger Freiheit führt. Wir glauben fest daran, dass Diktatur die falsche Antwort auf Russlands Probleme und seine realen Bedrohungen ist. Westliche Politiker sollten erkennen, dass unsere derzeitige Strategie gegenüber Russland scheitert. Unsere Politik konnte keinen Beitrag zu dem demokratischen Russland leisten, das wir uns erhofft hatten und das die Menschen dieses so riesigen Landes nach all ihrem Leid verdienen. Es ist für uns an der Zeit, darüber nachzudenken, inwieweit wir uns in Putins Russland einbringen wollen, und uns eindeutig auf die Seite der demokratischen Kräfte Russlands zu stellen. In dieser historisch kritischen Phase, in der der Westen die demokratischen Veränderungen weltweit vorantreibt, den weiteren Mittleren Osten inbegriffen, ist es notwendig, dass wir bei der Bewertung des Moskauer Verhaltens nicht wegschauen oder einen doppelbödigen Demokratieansatz für Osteuropas Staaten entwickeln. Wir sollten die Wahrheit über die Ereignisse in Russland sagen. Wir schulden dies den Opfern von Beslan und den tausenden russischen Demokraten, die immer noch darum kämpfen, Demokratie und menschliche Freiheit im eigenen Land zu wahren.
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© G. Braun, Interkulturelles Forum e.V., 2002