Nachrichten aus Tschetschenien

 

Putins gescheiterte Strategie
Ein Kommentar von  Karl Grobe


Russlands künftiger Satrap in Tschetschenien, Alu Alchanow, wusste natürlich am Dienstagmorgen, wer hinter den nächtlichen Überfällen auf Polizei- und Regierungsgebäude im benachbarten Inguschetien steckt. Schamil Bassajew, der seit fast 15 Jahren aktive Bandenführer, soll es gewesen sein. Der letzte überzeugend gewählte tschetschenische Präsident, Aslan Maschadow, habe den Überfall vorweg gebilligt.

Nichts ist an dieser These bemerkenswert außer den offenkundigen seherischen Fähigkeiten Alchanows. Der russische Versuch, den islamistischen Gewaltmenschen Bassajew mit dem lange Jahre verhandlungsbereiten Maschadow in ein politisches Amalga

Der russische Präsident nennt seine Strategie "Tschetschenisierung". Ihr Inhalt ist definiert. Tschetschenische Kollaborateure sollen das erledigen, was Russlands Armee und Russlands bewaffneter Geheimdienst nicht schaffen:
Im Auftrag Moskaus den Widerstand zu Boden zwingen, mit allen Mitteln, von denen die meisten nicht von Kriegsrecht, Völkerrecht und individuellen Menschenrechten gedeckt sind. Diese Strategie erreicht das Gegenteil von Frieden und nationaler Aussöhnung.

Sie scheitert. Sie war schon gescheitert, bevor Moskaus handverlesener Führer in Grosny, Ahmad Kadyrow, am 9. Mai einem minutiös geplanten
politischen Mord zum Opfer fiel. Kadyrows eigene Miliz, neben der Bassajews die kopfstärkste Bande in der Region, hat sie zu Fall gebracht durch willkürliche Verhaftungen, systematische Korruption, die rücksichtslose Zerstörung von Dörfern und Siedlungen.

Kadyrow ist selbst von Anhängern Putins im Kaukasus wenig beweint worden. Moskau lernte nichts daraus. Die Förderung des bisherigen Innenministers und Polizeichefs in Grosny, des einschlägig bekannten Alu Alchanow, belegt das Festhalten Putins an seinem Irrweg.

Auch die erzwungene Rückführung der letzten tschetschenischen Flüchtlinge aus Inguschetien in ein zerstörtes Land ohne gesicherte Lebensbedingungen belegt das. Der Angriff, dem Inguschetiens Innenminister und zwei Staatsanwälte zum Opfer fielen, mag auch von Rache für die Flüchtlingsaustreibung motiviert worden sein. Vor just solchen Reaktionen hat Maschadow gewarnt.

Eine - vielleicht die letzte - schmale Tür zur friedlichen Lösung hat Putin vor anderthalb Jahren selber zugeschlagen. Bis dahin schien noch möglich, mittels Verhandlungen den originären Widerstand von den kriminellen Einzelkämpfern zu trennen; auf der Grundlage des Jelzin-Maschadow-Friedens von 1997 wäre das nicht unmöglich gewesen. Putin hätte dann freilich zugestehen müssen, dass sein Krieg, dem er seine erste Wahl zum russischen Präsidenten mit verdankte, nicht nur Kriegsverbrechen nach sich gezogen hat, sondern insgesamt ein politischer Fehler war. Das wollte er nicht. Jede "Säuberung" in einem tschetschenischen Dorf, jedes unaufgeklärte Verschwinden eines jungen Mannes, jede Vergewaltigung einer Frau hat der Rebellion neue Kämpfer verschafft. Sie hat die Verzweiflung genährt, die Frauen - deren Angehörige am russischen Krieg gestorben sind - zu Selbstmordattentäterinnen machte. Sie hat den militanten Gruppen, die einen einfach gestrickten, der gesamten Region fremden und von der Religion weit entfernten so genannten Islam verkünden, das dschihadistische Argument
verschafft. Früchte der so genannten Tschetschenisierung.

Das alles geschieht in Europa. Den politischen Führern der großen Demokratien fällt nichts dazu ein als zu schweigen, nicht einmal aus
Verlegenheit, sondern aus Opportunismus. Doch Putins Krieg entzivilisiert Russland. Das schlägt auf uns zurück. Im eigenen Interesse müssen die Demokratien eingreifen.


 

 

______________________________________________________________________________________________________

© G. Braun, Interkulturelles Forum e.V., 2002