|
Beslan-Tragödie
Russische Schriftsteller kritisieren Putin
SPIEGEL ONLINE, 09.09.2004
Namhafte russische Autoren werfen nach der Geiseltragödie von Beslan der Staatsführung um Präsident Wladimir Putin Vertuschungsversuche und Hilflosigkeit vor. Die Regierung habe sich hinter den Geiseln verschanzt, anstatt das Problem Tschetschenien politisch zu lösen.
Moskau - Zum Geiseldrama in Beslan hatte Wladimir Woinowitsch deutliche Worte: "Ich wundere mich schon gar nicht mehr über das Lügen, in dem sich die Staatsmacht in solchen Fällen übt", sagte der Romanautor ("Aglaja Rewkinas letzte Liebe") in einer Umfrage der Moskauer Zeitung "Nesawissimaja Gaseta" vom heutigen Donnerstag.
Die Regierung habe sich hinter den Geiseln verschanzt, anstatt das grundlegende politische Problem Tschetschenien in Angriff zu nehmen, kritisierte auch der linksnationalistische Schriftsteller Eduard Limonow. "Sie werden immer lügen und werden es immer vorziehen, sich hinter den Körpern von Kindern zu verstecken." Der Tschetschenien-Konflikt lasse sich nur durch Gespräche zwischen der Regierung in Grosny, den Rebellen und Russland beilegen, so Limonow.
Die Schriftstellerin Ludmila Ulitzkaja ("Die Lügen der Frauen") befürchtet, dass im Nordkaukasus nach dem Anschlag ein Bürgerkrieg ausbrechen könnte. Verantwortlich seien die "Plumpheit, Dummheit und Unfähigkeit unserer Führer". In jedem anderen Land hätte die Regierung nach einer Tragödie wie in Beslan den Rücktritt erklären müssen, nur nicht in Russland, kritisierte die Autorin.
Auch der russische Menschenrechtsaktivist Sergej Kowaljow erwartet nach dem Terroranschlag von Beslan eine Verschärfung des Krieges in Tschetschenien. Dies erklärte Kowaljow heute der "Berliner Zeitung". Er bekräftigte zudem seine Kritik an Präsident Wladimir Putin. Dieser sei nicht willens, eine friedliche Lösung des Konfliktes zu suchen. Stattdessen setze er auf die Fremdenfeindlichkeit der russischen Gesellschaft.
"Der durchschnittliche Russe pfeift drauf, ob es da internationale Terroristen gibt oder nicht. Er ist einfach bereit, Putin aus Seelenverwandtschaft zu unterstützen." Wenn es tatsächlich Verbindungen zwischen tschetschenischen Rebellen und einer islamischen Terrororganisation aus dem Ausland gebe, so sei dies eine Folge des Krieges.
Kowaljow, der als Dissident die sowjetischer Lagerhaft erdulden musste, war Vorsitzender der von Präsident Jelzin eingesetzten Menschenrechtskommission und ist einer der bekanntesten Kritiker des russischen Vorgehens in Tschetschenien.
Anders als seine Kollegen nahm der nationalistische Publizist Alexander Prochanow Präsident Putin in Schutz. Putin habe zur nationalen Einigung aufgerufen, "und da wäre ich erstmals bereit, ihn zu unterstützen." Allerdings sei auch diese Initiative Putins in Gefahr, folgenlos zu bleiben. Man habe es eventuell erneut mit einem "schwachen Präsidenten" zu tun, der an einer "Machtdemonstration" scheitere, so Prochanow.
|