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Kaukasus
Schule des Terrors, Kinder des Krieges
SZ vom 08.09.2004
Nur die internationale Gemeinschaft kann den Kaukasus noch retten – wenn sie will: Ein Interview mit dem tschetschenischen Dichter Apti Bisultanow.
Interview: Sonja Zekri
Apti Bisultanow ist einer der bekanntesten Lyriker Tschetscheniens, vor kurzem erschien sein Buch „Schatten eines Blitzes“ (Kitab Verlag). Wenn das Volk leidet, so seine Überzeugung, darf der Dichter nicht abseits stehen. Bisultanow lebte bei den Rebellen, bevor er nach Berlin ins Exil reiste, er war Stellvertretender Sozialminister des von Moskau nie anerkannten tschetschenischen Präsidenten Aslan Maschadow. Ein Gespräch über das Geiseldrama in Beslan und die Zukunft Tschetscheniens.
» Wenn es je eine Grenze
im tschetschenischen Gemetzel gegeben hat,
denn das ist ja kein Krieg,
sondern ein Schlachthaus,
dann ist sie längst überschritten «
Frage: Als Sie von der Geiselnahme in Beslan erfuhren...
Apti Bisultanow: ...glaubte ich, die Journalisten hätten übertrieben. Es gab die Explosion in Moskau und in den beiden Flugzeugen, den Anschlag auf Grosny, davor auf Inguschetien. Aber diese Dimension schien mir unvorstellbar. Ich lebe in der tschetschenischen Gemeinschaft, ich verfolge den Konflikt seit Jahrzehnten, aber nie im Leben hätte ich für möglich gehalten, dass Tschetschenen für die Unabhängigkeit ihres Volkes Kinder als Geisel nehmen. Andererseits: Wenn es je eine Grenze im tschetschenischen Gemetzel gegeben hat, denn das ist ja kein Krieg, sondern ein Schlachthaus, dann ist sie längst überschritten. Geblieben ist der Wahnsinn jener, die glauben, siegen zu müssen, aber nicht können, und jener, die nicht verlieren können.
Als die russischen Behörden in Beslan anfingen, die Nachrichten zurückzuhalten, wusste ich: Sie werden die Schule stürmen. Aber dass sie Hunderte Kinder opfern würden, wollte ich nicht glauben.
SZ: Der russische Präsident Wladimir Putin legt Wert darauf, dass die Geiselnehmer nicht nur aus Tschetschenien stammen.
Bisultanow: Selbst wenn unter ihnen nicht ein Tschetschene wäre: Die internationale Zusammensetzung ist völlig belanglos. Ohne Zweifel ist die Geiselnahme ein Spiegelbild der Schlächterei in Tschetschenien. Vor zehn Jahren erklärte Sergej Kowaljow, der damalige Menschenrechtsbeauftragte des russischen Präsidenten, zum ersten Mal, dass dies keine innere Angelegenheit Russlands ist. Als russische Soldaten das Dorf Samaschki auslöschten und Dutzende Menschen umbrachten, ohne dass darunter ein Widerstandskämpfer gewesen wäre, beschloss die Duma: Es habe keine Übergriffe russischer Soldaten gegeben.
» Je eher Europa begreift,
dass Europa das Problem
nur selbst lösen wird,
desto besser «
Und die internationale Gemeinschaft schaute voller Verständnis zu. 1999 starben 200 Menschen, als Russen den Markt in Grosny bombardierten. Alles das hat die Enttäuschung wachsen lassen. Die Führer anderer Staaten, etwa Bundeskanzler Gerhard Schröder, betrachten Putin als Freund und billigen dessen Politik. Aber je eher Europa begreift, dass Europa das Problem nur selbst lösen wird, desto besser. Es heißt: Wir sind Pragmatiker. Ich sehe keinen Pragmatismus, nur Dummheit und den Wunsch, sich zu drücken.
SZ: Und doch: Die Verbindungen tschetschenischer Rebellen zum internationalen Terrorismus sind alarmierend.
Bisultanow: Ja, es ist unübersehbar, dass Al-Qaida die Kämpfer in Tschetschenien unterstützt, ebenso wie die islamische Welt. Aber das ist nicht der Nährboden des Konfliktes. In Tschetschenien ist eine neue Generation herangewachsen, die nichts anderes kennt als den Krieg. Meine Tochter lebt in Tschetschenien. Sie ist drei Jahre alt, aber schon heute ist alles Schlechte, Schmutzige, Bedrohliche, jeder Uniformierte für sie
"Russisch“.
Nach den Aussagen von Geiseln in Beslan waren einige der Selbstmordattentäterinnen nicht älter als fünfzehn, siebzehn Jahre. Seit ihrer Geburt haben diese Menschen keine Werte kennen gelernt, keine Rechte, keine Schulen oder Kindergärten, nur Lügen, Ungerechtigkeit, Folter, Vergewaltigungen. Ich höre oft Fragen nach dem Fundamentalismus, nach dem Erstarken des Islam – Verzeihung, wohin sollen sich diese Menschen sonst wenden, wem sollen sie ihre Unterstützung schenken, wenn nicht der Religion? Den Menschenrechten etwa?
SZ: Tschetschenien hat durch den Mord an den Schulkindern Sympathien verloren.
Bisultanow: Ich weiß. Den Selbstmördern ist das gleichgültig. Nur für Tschetschenien wird es nun noch schlimmer, wenn das überhaupt noch geht. In seiner Ankündigung hat der Diktator Putin kein Wort der Entschuldigung dafür gefunden, dass er die Geiseln nicht retten konnte. Er ist der Garant der Verfassung! Stattdessen sprach er von der Größe der Sowjetunion, darüber, dass wir den Feind besiegen müssen. Gegenüber dem Westen betont er die internationale Dimension, um freie Hand im Kampf mit dem Terrorismus zu bekommen und die russische Gesellschaft zu mobilisieren. Putin sagt: Niemand wird Russland in die Knie zwingen. Wir sind stark! Wir sind stark! Aber ein starker Mensch schreit niemals, dass er stark ist.
» Es ist ein Bluff,
dass die Menschen
ort nicht bereit sind
für eine friedliche Lösung «
SZ: Was kann Tschetschenien retten?
Bisultanow: Es gibt nur einen Ausweg. Wenn die internationale Gemeinschaft dem Herrn Diktator begreiflich macht, dass es nur eine internationale Lösung geben kann. Der UN–Sicherheitsrat hat sich nach Beslan zum ersten Mal mit Tschetschenien beschäftigt. Es ist ein Bluff, dass die Menschen dort nicht bereit sind für eine friedliche Lösung. Sicher, irgendjemand wird weiterkämpfen, aber wenn es eine Übereinkunft gibt, ist es mit denen bald vorbei. Heute sind weder Tschetschenen noch Russen in der Lage, den Konflikt allein lösen. Dafür sind beide Seiten zu weit gegangen.
Es gibt seit einem Jahr einen Plan des Außenministers von Aslan Maschadow, Iljas Achmadow, und viele Organisationen, sogar das EU-Parlament haben ihn unterzeichnet. Er berücksichtigt die russischen Interessen, aber auch die tschetschenischen. Doch es braucht eine dritte Kraft, um mit der Lösung des Konfliktes überhaupt beginnen zu können. Zunächst brauchen wir eine provisorische Verwaltung unter internationaler Schirmherrschaft, die die Ansprüche der russischen Seite ebenso berücksichtigt wie den tschetschenischen Widerstand, zivile Strukturen, eine neue Führung. Und erst nach langen, zähen Verhandlungen ist ein Ausweg denkbar, ein Vertrag oder die gegenseitige Anerkennung, dann kann man über die Achtung wirtschaftlicher Räume reden, über die gemeinsame Verteidigung der Grenzen.
SZ: Das klingt utopisch.
Bisultanow: Ja, leider ist die zweite Perspektive wahrscheinlicher: Dass sich der Konflikt verschärft und ausbreitet. Das ist schon jetzt spürbar. Gerade wurde der Mann einer tschetschenischen Menschenrechtlerin verschleppt. Eine georgische Journalistin, die aus der Schule in Beslan berichtete, wird von russischen Sicherheitskräften festgehalten. Andrej Babitzkij, ein kritischer russischer Journalist, ebenso.
Es läuft nach dem Motto: Wer nicht für uns ist, lebt gefährlich. Im Gegenzug wurden in Grosny zwei Posten angegriffen, die Rebellen verschärfen ihre Attacken. Die Bacchanalien, die Morde, die Quälerei geht weiter. Nichts hat sich geändert. Tschetschenien ist ein Konzentrationslager.
(SZ vom 8.9.2004)
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