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Schwarzer August
Frankfurter Allgemeine Zeitung,
27.08.2004
Von Markus Wehner, Moskau
26. August 2004 Es war ein stiller Sommer in Rußland. Doch mit dem Absturz der beiden Tupolews in der Nacht zum Mittwoch, bei dem nach korrigierten Angaben neunzig Menschen starben, erfüllte sich einmal mehr das Omen vom schwarzen Monat August, das in Rußland seit dem Untergang des Atom-U-Boots "Kursk" vor vier Jahren sprichwörtlich geworden ist.
Daß zwei Passagierflugzeuge innerhalb weniger Minuten vom Himmel fielen, sieht in Moskau kaum jemand als tragisches Zusammenkommen unglücklicher Umstände. Es handele sich um einen terroristischen Anschlag, war sich am Donnerstag die Presse der Hauptstadt einig.
Zu unwahrscheinlich klangen alle anderen Versionen von schlechtem Flugbenzin, Pilotenfehlern oder technischen Mängeln. Zu rasch versicherte der Inlandsgeheimdienst FSB, es gebe keine Hinweise auf einen Anschlag. Zu nah ist die Wahl in Tschetschenien am Sonntag, durch die der Kreml einen Nachfolger für Achmad Kadyrow installieren will, den Statthalter Moskaus, der Anfang Mai durch einen Bombenanschlag getötet worden war.
Terroranschlag erst nach der Wahl zugeben?
"Solche Terrorakte können in Rußland nur die tschetschenischen Kämpfer organisieren", schrieb die Zeitung "Kommersant" am Donnerstag. Die Separatisten hatten unlängst angekündigt, eine militärische Offensive auch in Rußland zu beginnen. Doch von Anfang an habe man das Gefühl gehabt, daß nach Anweisung von oben keinesfalls die Wahl in Tschetschenien mit den Abstürzen in Verbindung gebracht werden dürfe, schrieb die "Iswestija".
Mehrere Zeitungen wiesen darauf hin, daß eines der Flugzeuge nach Sotschi unterwegs war - in dem Kurort am Schwarzen Meer liegt die Sommerresidenz von Präsident Putin. Dort erwartet er am Montag Bundeskanzler Schröder und den französischen Staatspräsidenten Chirac. Um die Flugschreiber auszuwerten und die Ursache des Unglücks festzustellen, brauche man mindestens noch zwei Tage, hieß es am Donnerstag.
Der Verdacht drängt sich auf, daß man den Terroranschlag erst nach der Wahl in Tschetschenien offiziell zugeben, den tschetschenischen Separatisten den "Erfolg" nicht vor dem Urnengang gönnen will. Der FSB hat Interesse daran, den Absturz der beiden Flugzeuge nicht als Werk von Terroristen gelten zu lassen. Denn das bedeutete einmal mehr, daß er die Sicherheit der russischen Bürger nicht gewährleisten kann, auch nicht in Moskau.
FSB hat "katastrophal versagt"
In Tschetschenien, im Nordkaukasus herrscht ohnehin weiter Gewalt: Am Samstag hatten 300 Rebellen in Kampfanzügen und schwarzen Masken die Hauptstadt Grosnyj in Angst und Schrecken versetzt. In kleinen Gruppen fuhren sie in Autos durch die Stadt, lieferten sich Gefechte mit russischen Soldaten und moskautreuen tschetschenischen Polizisten, beschossen Wahllokale, errichteten Straßensperren, kontrollierten Ausweise und erschossen diejenigen, die sie als Funktionäre des Kreml-Regimes identifizierten.
Nach Presseberichten sollen die Angreifer binnen drei Stunden mehr als 50 Menschen getötet haben; am Donnerstag schrieb die "Iswestija" sogar von 120 Toten. Der FSB, der nach eigenen Angaben von einem geplanten Angriff wußte, konnte ihn nicht verhindern.
Das brutale Vorgehen der Rebellen erinnert an den Überfall von mehreren hundert tschetschenischen Kämpfern auf die Nachbarrepublik Inguschetien Ende Juni, wo sie die Stadt Nasran und zwei weitere Orte für eine Nacht in ihre Gewalt brachten. Damals waren rund 90 Geheimdienstleute, Justizmitarbeiter und Zivilisten erschossen worden. Nach Ansicht westlicher wie russischer Geheimdienstfachleute hat der FSB, der trotz massiver Präsenz in der Region den Angriff nicht verhinderte, "katastrophal versagt".
Verherrlichung Kadyrows
Am vergangenen Sonntag wurde indes - ungeachtet der verlustreichen Kämpfe in Grosnyj vom Vortag - in Moskau und in Tschetschenien der Geburtstag des getöteten Statthalters Achmed Kadyrow feierlich begangen. Kadyrow hatte einst als Mufti Tschetscheniens zum Heiligen Krieg gegen Moskau aufgerufen, bevor er im zweiten Tschetschenien-Krieg wegen des wachsenden Einflusses der Islamisten die Seite wechselte. Nun wird er gezielt zum Märtyrer aufgebaut.
In Moskau wurde eine Gedenktafel auf dem Nowyj Arbat eingeweiht, wo Kadyrow sein Büro hatte. Auch eine Straße in Butowo, einem südlichen Stadtteil Moskaus, wird den Namen Kadyrows tragen, ebenso wie viele Straßen und Plätze in Tschetschenien.
Präsident Putin machte mit einem Blitzbesuch in Kadyrows Heimatort Zentoroj klar, daß die Verherrlichung des Getöteten Teil seiner Tschetschenien-Politik ist. Er legte rote Nelken aufs Grab und lobte Kadyrow als ehrlichsten und selbstlosesten Sohn seines Volkes. Auf den Tod Kadyrows hatte Putin ebenfalls mit einem Blitzbesuch reagiert - in Grosnyj. Damals hatte er verwundert festgestellt, daß die Stadt "vom Hubschrauber aus schrecklich aussieht".
Der Kreml setzt auf Alu Alchanow
Bei seiner jüngsten Tschetschenien-Visite nahm Putin die beiden Schlüsselfiguren mit, auf die Moskau jetzt in der Kaukasusrepublik setzt. Eine ist der 27 Jahre alte Sohn Kadyrows, Ramsan. Er ist Herr über eine gefürchtete und schlagkräftige Truppe, die "Kadyrowzy". Sie zählt mehrere tausend Mann. Es sind vor allem ehemalige Separatisten, die dem Kampf gegen Moskau abgeschworen haben.
Allerdings, so hieß es in der russischen Presse, sollen in den vergangenen Wochen 600 Mann Ramsans Truppe wieder verlassen haben, weil die Gegenseite besser bezahle. Der junge Kadyrow, der nach des Vaters Tod trotz fehlender Schulbildung von Putin umgehend zum stellvertretenden Regierungschef in Grosnyj ernannt worden war, kann aufgrund seines Alters nach der tschetschenischen Verfassung nicht Präsident werden. Deshalb setzt der Kreml auf Alu Alchanow, den 47 Jahre alten Polizeigeneral und tschetschenischen Innenminister.
Den Mann mit dem dünnen Oberlippenbart hatte Putin Mitte Juni im Kreml empfangen und damit seine Entscheidung für die Nachfolge Kadyrows öffentlich bekundet. In dieser Woche nahm er Alchanow mit an das Grab Kadyrows und dann zusammen mit dem Kadyrow-Sohn in seine Residenz nach Sotschi. Dort verkündete er, daß er Tschetschenien die Einnahmen aus dem Erdöl der Republik überlassen wolle, eine Forderung, die der alte Kadyrow nach seiner Wahl erhoben hatte. Putin sagte nun, er habe "das schon lange selbst machen" wollen.
Flugsicherheit wird an das Innenministerium übertragen
Am Sonntag wird es genausowenig einen freien Wahlgang in Tschetschenien geben wie bei der Wahl Kadyrows im Oktober. Damals hatte der Kreml die aussichtsreichen Kandidaten, die nach Umfragen in der Wählergunst vor Kadyrow lagen, durch Gerichtsentscheide, Wegloben auf unbedeutende Staatsposten oder kaum verhohlene Erpressung aus dem Rennen genommen.
Die Fälschungen bei der Wahl, die mit Rekordbeteiligung und einem Traumergebnis für Kadyrow endete, waren so weit gegangen, daß man in einem Ort 117 Prozent der Stimmen für den Wunschkandidaten des Kremls zählte. Auch diesmal hat man dem Moskauer tschetschenischen Unternehmer Malik Sajdullajew, der durch seine Hilfsaktionen in Tschetschenien beliebt ist, die Teilnahme an der Wahl verweigert. Eine Angabe in seinem Paß sei falsch gewesen, lautete die Begründung der Wahlkommission in Tschetschenien.
Die fünf anderen Kandidaten, die man zur Wahl zugelassen hat, spielen nur die Rolle von Statisten. Freuen wird sich General Alchanow über seine Wahl wohl kaum. Die Separatisten haben schon angekündigt, daß sie jeden neuen Führer, den Moskau wählen läßt, beseitigen werden. Wladimir Putin hat unterdessen schon demonstriert, was er in Wirklichkeit als Ursache der Flugzeugabstürze ansieht. Er hat eine Gesetzesänderung in die Wege geleitet, nach der die Flugsicherheit nicht mehr Aufgabe der Flughafenverwaltungen ist, sondern dem Innenministerium übertragen werden soll.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.08.2004, Nr. 199 / Seite 3
Bildmaterial: dpa/dpaweb
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