Nachrichten aus Tschetschenien

 

"Sind wir weg, kommen andere"
SPIEGEL ONLINE, 11.09.2004

Ein Sprecher der so genannten gemäßigten tschetschenischen Untergrundkämpfer hat bestritten, dass Ex-Präsident Aslan Maschadow an der Geiselnahme in Beslan beteiligt war. Die russische Justiz bestätigte unterdessen den Tod des Anführers der Entführer.

Hamburg - Man habe sich sogar zu Vermittlungsbemühungen bereit erklärt, sagte Ahmed Sakajew, in London lebender Europa-Vertreter Maschadows, in einem SPIEGEL-Interview. Nach dem Überfall auf die Schule in Beslan habe er mehrfach telefonischen Kontakt mit namhaften russischen Politikern gehabt, so mit dem nordossetischen Präsidenten Alexander Dsassochow und Inguschiens Ex-Präsidenten Ruslan Auschew, dem die Freilassung von 26 Geiseln zu verdanken war. 

Maschadow habe zugestimmt, alles zur Deeskalation des Dramas zu unternehmen, Sakajew selbst habe sogar nach Russland reisen wollen. Doch sei man dann von den Ereignissen in Beslan überrollt worden, sagte der frühere tschetschenische Vizepremier.

Laut seinen Aussagen habe Auschew zu Beginn der Schießerei in der Schule noch einen Anruf der Terroristen erhalten, aus dem hervorging, dass die Geiselnehmer vom Sturm überrascht worden seien. Deren rücksichtslose Aktion sei auch ein "furchtbarer Schlag gegen alle Tschetschenen", so Sakajew, "weil sie unsere Idee von der Unabhängigkeit völlig diskreditiert". Sie habe einen größeren Schaden angerichtet als zehn Jahre finsterste antitschetschenische Propaganda. 

Wenn Russlands Präsident Wladimir Putin jetzt auch Maschadow zum brutalen "Kindermörder" stempele und nur noch von einem Problem des internationalen Terrorismus spreche, wolle er vom eigentlichen Kern des Konfliktes im Kaukasus ablenken. Es gehe aber nicht um Namen, bekräftigt Sakajew: "Sind wir weg, kommen andere."

Die russische Generalstaatsanwaltschaft hat unterdessen Berichte über eine Flucht des Anführers der Geiselnehmer von Beslan dementiert. Der Tschetschene Ruslan Chutschbarow sei bei der Erstürmung durch die Polizei vor einer Woche getötet worden, seine Leiche sei identifiziert, sagte Vize-Generalstaatsanwalt Wladimir Kolesnikow in der nordossetischen Hauptstadt Wladikawkas. Russische Medien hatten spekuliert, der Terorrist mit dem Decknamen "Oberst" habe im Chaos um die Befreiung der Geiseln fliehen können.

In den Krankenhäusern Nordossetiens sowie Moskaus wurden am Wochenende noch 353 Opfer der Geiseltragödie behandelt, unter ihnen 216 Kinder. Nach Angaben des russischen Gesundheitsministeriums sind bei dem Blutbad in der Schule von Beslan mehr als 1200 Menschen getötet oder verletzt worden. Die Behörden sprechen von 331 Toten, von denen 90 bislang nicht identifiziert sind.

Von den insgesamt 32 Geiselnehmern überlebte nur ein Mann. Der Terrorist sitze in Untersuchungshaft und sei zur Zusammenarbeit mit den Ermittlern bereit, teilte die Justiz mit. 




 

 

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© G. Braun, Interkulturelles Forum e.V., 2002