Nachrichten aus Tschetschenien
|
Terroranschläge vor der Wahlfarce in Tschetschenien? Von Katja Seefeldt 26.08.2004 Wenige Tage vor den Präsidentschaftswahlen in Tschetschenien fallen über Russland zwei Flugzeuge vom Himmel. Jetzt beginnt das Rätselraten. Am Dienstagabend sind zwei russische Passagierflugzeuge auf dem Weg nach Südrussland vom Himmel gestürzt. Bislang meldeten die russischen Behörden 89 Tote. Der fast gleichzeitige Absturz der beiden Tupolews hat den Verdacht genährt, dass es sich um Anschläge der tschetschenischen Rebellen handeln könnte. Angesichts des Zustands vieler russischer Flugzeuge ist jedoch auch technisches Versagen nicht ausgeschlossen. Eine von Präsident Wladimir Putin eingesetzte Staatskommission soll das Unglück aufklären. Nach dem Absturz der beiden Passagierflugzeuge am Dienstagabend schien die Ursache schnell gefunden. Es konnte sich nur um einen weiteren Terroranschlag der tschetschenischen Rebellen handeln. Denn: Ist es möglich, dass rein zufällig zwei Flugzeuge innerhalb von sechs Minuten abstürzen? Und: symbolträchtiges Zeichen – eine der Maschinen war auf dem Weg nach Sotschi, wo Präsident Wladimir Putin gerade urlaubte. Doch nach den ersten Spekulationen über neuerliche Terroranschläge schlossen die Sprecher vom russischen Inlandsgeheimdienst FSB plötzlich technisches oder menschliches Versagen nicht mehr aus. Dass es mit der Sicherheit im russischen Luftverkehr nicht zum Besten bestellt ist, ist kein großes Geheimnis [1]: Die Maschinen sind veraltet und schlecht gewartet. Die Kontrollen am Boden werden lax gehandhabt. Zudem gibt es bislang noch kein Bekennerschreiben einer tschetschenischen Kämpfergruppe. In einem Gespräch mit dem Moskauer Radio Sender Echo Moskwy lehnte Achmad Sakajew, der Sprecher von Rebellenführer Aslan Maschadow, jegliche Beteiligung der Rebellen um Maschadow ab. Präsident Putin setzte eilig eine Staatskommission ein, um den Fall untersuchen zu lassen – das kam zum letzten Mal vor 20 Jahren [2] vor. Dass sich die russischen Behörden nicht auf einen Terroranschlag als Absturzursache festlegen wollen und könnte zweierlei bedeuten. Entweder weist tatsächlich einiges auf technische Ursachen hin oder aber der Kreml möchte sich so kurz vor der Wahl keine Blöße geben. Denn angeblich stehen die Zeichen in der Kaukasus-Republik auf Normalität und Stabilisierung, da passen solche Großanschläge nicht ins Bild. Wahlfarce Die Präsidentenwahl am Sonntag sollte ein weiteres Signal dafür sein, dass es in Tschetschenien aufwärts geht. Doch bislang ist diese Angelegenheit eine geradezu provozierend schlecht inszenierte Komödie. Im Gespräch mit telepolis bezeichnete der tschetschenische Schriftsteller Apti Bisultanow die Wahl als Farce: In Tschetschenien tobt ein schrecklicher Krieg. Das ganze Land hat sich in ein Massengrab verwandelt. Vor diesem Hintergrund von irgendwelchen "Wahlen" zu sprechen ist unmoralisch. Die legitime tschetschenische Führung (gemeint ist Aslan Maschadow, Anm. d. Red.) interessiert es überhaupt nicht, an welchem Tag diese Farce durchgeführt wird. Die Besatzer könnten diese Show mit dem gleichen Erfolg genauso gut für sich allein und in Moskau durchführen. Darauf weist auch eine aktuelle Pressemitteilung (26. August) der Gesellschaft für bedrohte Völker [3] hin. Sie zitiert die Moskauer Zeitung "Nowaja Gaseta", die am 23. August berichtete, dass alle Kreisverwaltungen in Tschetschenien die Anweisung erhalten hätten, dass bei der Wahl mindestens 60 bis 70 Prozent aller Stimmen auf den derzeitigen Innenminister und Kreml-Favoriten Alu Alchanow entfallen müssten. Anderenfalls drohe den Lokalbeamten die Entlassung. Zudem hätten maskierte Bewaffnete das Haus des Geheimdienst-Offiziers Mowsur Chamidow, des einzigen verbliebenen Rivalen von Alchanow, gestürmt und dessen Bruder verhaftet. Auch Chamidows Wahlkampfstab wurde laut "Nowaja Gaseta" Ziel einer so genannten "Säuberung". [2] http://www.moscowtimes.ru/stories/2004/08/26/001.html Telepolis Artikel-URL: aus: Telepolis 26.8.2004 |
______________________________________________________________________________________________________
© G. Braun, Interkulturelles Forum e.V., 2002