Nachrichten aus Tschetschenien

 

Überfall auf  tschetschenische Flüchtlingscamps in Inguschetien

Maskierte Männer überfielen ein tschetschenisches Flüchtlingslager am vergangenen Mittwoch nahe der Stadt Nazran in Inguschetien. Der Radiosender „Echo Moskau“ zitierte dazu Raisa Isayeva, die Leiterin des Lagers. Isayeva sprach von zahlreichen Übergriffen wie Schläge, ungesetzlichen Verhaftungen und von Vorfällen, wo Männer außerhalb des Lagers gezwungen wurden, sich auszuziehen und auf dem Boden mit dem Gesicht nach unten stundenlang zu liegen. Nach ihren Informationen blieben 34 Personen, unter ihnen mehrere 15-jährige Kinder, von ihren Angreifern festgenommen. 

Am Donnerstag wurden Strom, Gas und Wasser des Camps gesperrt und den Flüchtlingen angeordnet, das Territorium des Camps innerhalb von zwei Tagen zu verlassen oder es würde niedergebrannt werden, sagte Isayeva dem Radiosender. Versuche, von den lokalen Behörden Informationen zu bekommen, waren erfolglos. Nachdem ein Beamter der inguschetischen Migrationsbehörde eine Beschwerde einer Flüchtlingsfrau erhielt, empfahl er ihr, „nach Tschetschenien zurückzukehren“, hinzufügend, dass es nichts gäbe, was er tun könne. Von einem nahe gelegenen, anderen Camp wurde ebenso gemeldet, dass es bedroht wurde, sagte Isayeva. 

"Jene Bewohner des Lagers, welche man gehen lies, flüchteten zu ihren Verwandten und kamen nicht mehr zum Camp zurück“, stellte sie fest. Vom Büro der Stadt, in dem Frauen des Camps „Altiewo“ auftauchten, „bekamen sie keine Informationen und wurden weggejagt.“

Am 24. Juni entfernte ein Kran dem Lager den Transformator, stellte Elektrizität und Gas ab und es wurden Teile der Rohre herausgerissen und entfernt. "Diese maskierten, unbekannten Personen,“, berichtete sie, verlangten, dass sie innerhalb von zwei Tagen das Gelände verlassen sollten unter der Androhung, das Camp niederzubrennen. Frauen aus „Altiewo“ wandten sich an den stellvertretenden Assistenten der Migrationsbehörde in Inguschetien, aber er gab an, dass er „nicht helfen kann“ und „wenn es Drohungen gab, wäre es eben notwendig, nach Tschetschenien zurückzukehren. Wir haben keine Plätze hier zu leben.“ 

Die Flüchtlinge entschieden sich, sich mit einem Ansuchen an sämtliche Organisationen zum Schutz der Bürgerrechte zu wenden, sie in andere Regionen Russlands ziehen zu lassen, berichtete Isayeva. Ein Ultimatum, innerhalb von zwei Tagen das Gelände zu räumen und Inguschetien zu verlassen wurde ebenso Bewohnern des „Lagovaz“-Camps in Nazran ausgesprochen, berichteten Flüchtlinge.

Obwohl offiziell das letzte große tschetschenische Flüchtlingszeltlager in Slepzovskaja in Inguschetien vor kurzem geschlossen wurde, leben immer noch tausende Flüchtlinge in Barackensiedlungen, Kuhställen und stillgelegten Fabrikgeländen weitgehend ohne Unterstützung und Alternativen. 

München den 24. Juni 2004


 

 

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