Nachrichten aus Tschetschenien

 

Unsere Gegner ändern sich
DER STANDARD, 28.08.2004

Der Terror wird fortdauern, so lange Putin im Amt bleibt, sagt der Moskauer Politologe und Leiter des Zentrums für Strategische Studien, Andrej Piontkovski, im Gespräch mit Eduard Steiner. 

STANDARD: Verliert der Terror in Russland sein tschetschenisches Gesicht? 
Piontkovski: Das Verbrechen trägt wirklich die Handschrift internationaler terroristischer Gruppen. Die Idee vom Einsickern dieser Gruppen nach Tschetschenien war das bevorzugte Motiv der offiziellen russischen Propaganda, mittlerweile hat sie sich erfüllt.

Gewiss waren dort ausländische Söldner, aber die Grundlage des Konfliktes war eine klassisch ethnisch-separatistische. Die unannehmbare Politik seitens Russlands hat die Tschetschenen immer mehr in Richtung dieses radikalen internationalen Flügels getrieben. Unsere Gegner in Tschetschenien ändern sich. Das ist eine sehr gefährliche Tendenz, denn mit den Separatisten konnte man noch über irgendetwas übereinkommen. Moskaus Weigerung, die tschetschenische Komponente von der internationalen zu unterscheiden, führt dazu, dass der internationale Terrorismus in Tschetschenien immer mehr Anhänger findet. 

STANDARD: Die "Islambuli-Brigaden" verlangen das Ende des Leidens für die Tschetschenen. 
Piontkovski: Nun, das sind sehr allgemeine, abstrakte, propagandistische Forderungen, so wie sie Al-Kaida auch gegenüber dem Westen erhebt. Konkret sind Forderungen, wie sie Separatisten - zum Beispiel Aslan Maschadow – zum Status Tschetscheniens erhoben; sie verlangen ja keine Abspaltung. Russland aber verweigert die Verhandlungen. Für die internationalen Terroristen ist Tschetschenien nur interessant als Basis für weitere Angriffe gegen Russland. Sie wollen die Zuspitzung des Konfliktes. 

STANDARD: Ist der Kreml in der Sackgasse? 
Piontkovski: Das ist jedem klar. Putins Politik wird sich nie ändern. Der nächste Präsident wird als erste Amtshandlung die Politik in Tschetschenien ändern, sofern noch gemäßigte Kräfte für Verhandlungen übrig bleiben. Putin wird es nicht machen, denn der Krieg ist seine Legitimierung und war von Anfang an das Mittel seines Aufstiegs. Wir werden noch vier Jahre mit diesem Terrorismus leben. 

Zur Person: 
Andrej Piontkovski ist eigentlich Mathematiker, hat sich aber seit Mitte der neunziger Jahre auf die Politikwissenschaft verlegt. 


aus: DER STANDARD vom 28.08.2004

 

 

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