|
Versöhnen und spalten
Aus: DIE ZEIT 31/2005, von
Michael Thumann
Der Antiterrorkrieg ist gescheitert. Das kann sich ändern - mit Hilfe der Islamisten.
Die Erfolge im Kampf gegen den weltweiten Terrorismus kann man dieses Jahr auch im Urlaub besichtigen. Am Roten Meer in Ägypten zum Beispiel, wo 64 Menschen durch Sprengstoffanschläge ums Leben kamen. Beim Metropolen-Kurzurlaub in London, wo mindestens 56 U-Bahn-Reisende von Bomben zerrissen wurden und zwei Wochen später eine neue konzertierte Rucksackattacke nur knapp misslang. Wer diese Serie von Angriffen im Jahre vier des Antiterrorkampfes mit den großformatigen Erklärungen europäischer und amerikanischer Staatsmänner von 2001 vergleicht, verzweifelt allmählich an der Strategie des Westens.
Nach dem 11. September identifizierten Amerikaner und Europäer im fieberhaften Rundumblick erst ihre Feinde - die Islamisten - und dann die Freunde - die schneidigen Islamistenhasser. Es kam zum Pakt mit den Diktatoren: mit Hosni Mubarak in Ägypten, Pervez Musharraf in Pakistan, Islam Karimow in Usbekistan und Wladimir Putin in Russland. Weit getragen hat das nicht. Tschetschenien bleibt umkämpft, Pakistan und Usbekistan exportieren nach wie vor Radikale, Ägypten ist wie in einer Zeitmaschine
zurück in die bleiernen Terrorjahre der Neunziger versetzt. Müssen wir uns damit abfinden? Keineswegs, die Europäer sollten sich nur noch ein zweites Mal umschauen - genauer als 2001. Nach den Anschlägen in London und Ägypten besteht die Aussicht, wirksamere Mittel gegen Terrorismus zu finden. Doch dafür braucht der Westen andere Verbündete und einen klaren Blick auf den Islam.
Am Anfang war das falsche Wort, das unselige Wort vom Antiterrorkrieg. Der Westen beschränkte sich seither geräuschvoll aufs Militärische und überhörte die auf die europäischen Muslime zielenden Lockrufe von al-Qaida. Die Rede vom Krieg machte die Sicherheitsdienste im Nahen Osten zu Subunternehmern des Westens, wenn diese nach dem Modell Mubarak auf Islamisten aller Farben dreinschlugen. Einige Staaten durften sogar ihre jahrzehnte- oder jahrhundertealten Lokalkonflikte aufwerten: Russland den Kolonialkrieg amKaukasus, Indien die Kaschmir-Fehde, Israel seine Schlacht um Land mit den Palästinensern. Dann führte die Antiterrorkoalition selbst Krieg – vereint in Afghanistan, zerrissen im Irak. Ergebnis? Eine Zermürbungsschlacht mit vielen Toten, viel mehr Toten, als der Terrorismus bis dahin gefordert hatte. Dazu kamen Kollateralschäden, siehe die Folterfotos aus Abu Ghraib. Verblüffend nur: Die Killer kommen nicht von den Kriegsschauplätzen, nicht aus Palästina, Irak oder Afghanistan. Die Gefechte in diesen Ländern liefern nur die Zerrbilder im Kopf des Selbstmord-attentäters, bevor er sich den Sprengstoffgürtel umhängt. Von dort gehen nicht die Ursachen des Terrors in Europa aus (gescheiterte Integration, Globalisierung). Von dort kommt die Motivation, das Ecstasy des Dschihadisten.
Die Rekruten des Heiligen Krieges aber kommen von überall her und schlagen in vertrauter Umgebung zu. In Europa sind es überwiegend eingewanderte Muslime, die ihre Mitwelt attackieren. In Marokko waren die Terroristen Marokkaner in al-Qaidas Auftrag, in der Türkei handelten Türken in radikalislamischer Mission, in Saudi-Arabien Osama bin Ladens saudische Agenten. Die Gefahr kommt nicht aus der Ferne, sie ist ein Nachbarschaftsphänomen. Die Terroristen behaupten dabei, sie zielten auf den Westen. Tatsächlich treffen sie in den meisten Fällen Muslime. Auch in Scharm al-Scheich, einem Touristenzentrum, waren unter den 64 Toten nur wenige »Kreuzfahrer und Kolonialisten« (lies: Urlauber) auszumachen, dafür umso mehr Ägypter. Die Empörung der Muslime nach den Anschlägen an der Themse und am Roten Meer ist deshalb unüberhörbar. Sunnitisch-islamistische Scheichs und schiitische Ajatollahs entrüsten sich über die Angriffe in Worten, deren Härte und Unzweideutigkeit man sich schon früher gewünscht hätte. Diese Erklärungenpassen bestens zu neuesten Umfragen des US-Forschungsinstituts Pew Research Center, nach denen die Zustimmung für bin Laden in den islamischen Ländern spürbar sinkt. In Marokko, Indonesien und in der Türkei fürchten bis zu drei Viertel der Bevölkerung die Gefahr des islamischen Extremismus. Da liegt die Chance für westliche Strategen. Nicht im Antiterrorkrieg, der über alle Unterschiede hinweglärmt, sondern im Bündnis des Westens mit den Muslimen wird es eng für Terroristen. Drei Schritte könnten - global und lokal - das Umfeld des gewalttätigen Islamismus austrocknen.
1. Verstehen und spalten.
Nicht jeder Islamist ist von vornherein ein Fall für Schlapphüte und Staatsanwälte.
Seit der Gründung der ägyptischen Muslimbrüder 1928 durch Hassan al-Banna hat sich die Bewegung aufgefächert. Das Spektrum reicht von bin Laden in der Höhle am Hindukusch bis zum Ex-Islamisten und moderaten Premier Tayyip Erdo?gan in der Türkei. Die Rückkehr des Terrors in Ägypten zeigt, wie wirkungslos es ist, Islamisten auszugrenzen und einzusperren. Das stärkt nur die Radikalsten. Die Beispiele Türkei, Jordanien und Marokko zeigen, dass es sinnvoll ist, moderate islamistische Parteien zu erlauben, ja sogar regieren zu lassen. Der Marsch durch die Institutionen stärkt das Land. Die Islamisten spalten sich auf in Dschihadisten und Demokraten. Mit Letzteren sollten westliche Diplomaten und Politiker sprechen. Protest in Kairo ist nicht nur fällig, wenn mal wieder ein Liberaler unter die Häscher gerät, sondern auch ein moderater Islamist.
2. Fördern statt verdammen.
Der 2001 ausgerufene Dialog mit dem Islam hat sich totgeredet. Auch die »Nun sagt ihr auch mal was gegen den Terror«-Appelle klingen überholt. Schon der Gedanke »Wir und ihr« ist falsch. Wenn bin Laden die europäischen Muslime umwirbt, dann versucht er, Europa zu spalten. In Westeuropa wächst der Anteil der Muslime an der Bevölkerung, sie sind Teilhaber in der EU. Es muss Europäer deshalb
interessieren, ob Muslime hier erfolgreich werden. Wie das geht? Die EU-Staaten sollten ihre Muslime gezielt fördern. Europäer und nicht saudische Stiftungen müssen islamischen Religionsunterricht gestalten. Sie, nicht türkische Ministerien sollten Lehrstühle für islamische Theologie anbieten. Dazu Stipendien, Lehrgänge, Kleinkredite.
3. Den Gegner identifizieren.
Wer Muslime stützt und engagiert, wird am Ende wissen, wer die Angreifer sind. Unbelehrbare Radikalislamisten verdienen keinen Schutz, sondern Überwachung und rasche Abschiebung unter Berücksichtigung der Genfer Konventionen.
Deutschlands Rechtsstaat setzt den Strafverfolgern da Grenzen - gut so. Aber dass es sechs Jahre brauchte, um den türkischen Möchtegern-Terroristen Kaplan der Türkei zu überstellen, dass sich kurdische und arabische Terroristen mit Hilfe deutscher Rechtsanwälte jahrelang der Strafe entziehen können, lässt den Rechtsstaat als wehrlos
erscheinen.Viele Muslime wünschen sich diese Differenzierung. Die Europäer sollten keinen Kulturfeldzug führen, sondern eine Werbekampagne. Auch wenn traditionell denkende Muslime sich oft schwer integrieren: Europa ist nicht vom Islam bedroht, sondern von Terroristen, die den Islam missbrauchen. Der Pakt mit den despotischen Gegnern des Islams von Mubarak bis Putin schadet da nur. Wir brauchen ein Bündnis mit den Beherrschten - bevor Osama bin Laden uns das abnimmt.
|