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Zum Tod von Bassajew
Ein Gespräch mit der tschetschenischen Publizistin Mainat Abdulajewa
SZ vom 12.7.2006,
Interview: Sonja Zekri
Er war Russlands Staatsfeind Nr. 1: 10 Millionen Dollar Belohnung hatte der Kreml auf den Kopf Schamil Bassajews ausgesetzt. Mehrfach war der Tod des tschetschenischen Terroristen schon verkündet worden, am Montag wohl zum letzten Mal: Bassajew, der sich mit Terroranschlägen und Geiselnahmen wie zuletzt in Beslan gebrüstet hatte, ist tot. Die tschetschenische Publizistin Mainat Abdulajewa lebt als Stipendiatin des Pen-Zentrums in Berlin, hat aber nach wie vor enge Verbindungen in die Kaukasusrepublik. Das Ende Bassajews, sagt sie, ist nicht das Ende der Gewalt in einem surrealen Land namens Tschetschenien.
SZ: Schamil Bassajew war für Russland das, was Osama Bin Laden für Amerika ist. Das Gesicht eines allgegenwärtigen, unangreifbaren Terrors.
Mainat Abdulajewa: Er war ein Symbol. Für die Russen verkörperte er den Terror, für viele Tschetschenen aber war er ein Symbol des Widerstandes, selbst für jene, die seine gewaltsamen Mittel ablehnten.
SZ: Für Russland war am Ende Bassajews schiere Existenz eine Demütigung. Trotz Kopfgeldes bewegte er sich frei in Tschetschenien und in den Nachbarrepubliken, er gab Interviews wie vor wenigen Monaten dem US-Sender ABC.
Abdulajewa: Diese Unberechenbarkeit hat wohl weniger damit zu tun, dass er die Russen bestochen hat, wie es immer heißt. Er war ein Soldat, ein Partisan - und sehr schlau. Er hat mit seinem Tod wohl jederzeit gerechnet, aber die Russen haben ihn einfach nicht gekriegt.
SZ: Für die tschetschenische Sache waren seine Terrorakte verheerend. Selbst viele Beobachter im Westen, die die Kriegsverbrechen der russischen Armee verurteilen und eine politische Lösung fordern, rückten spätestens nach dem Geiseldrama in Beslan vor zwei Jahren von den Tschetschenen ab.
Abdulajewa: Die Welt hat sich ja auch vorher nicht für uns interessiert. Hätte sie es getan, wäre nicht ein Viertel des tschetschenischen Volkes gestorben und es hätte nie ein Beslan gegeben. Schamil Bassajew war eine Kreatur der russischen Tschetschenien-Politik. Er ist in seinen Gewalttaten genau so weit gegangen wie der Kreml. Verstehen Sie, Tschetschenien ist so klein, so winzig, Russland aber hat riesige Gasvorkommen, Atomwaffen, Truppen, es ist riesig. Ja, Bassajew war ein Terorist, aber nur in einem Sinne, in dem Wladimir Putin ebenfalls ein Terrorist ist.
SZ: Vor einem Jahr hat Russland den Präsidenten der Untergrundbewegung, Aslan Mashadow, umgebracht, im Juni dessen Nachfolger Abdul Chalim Saidulajew...
Abdulajewa: ...und beide Leichen wurden auf widerliche Art ausgestellt und stolz im Fernsehen präsentiert. Diese Inszenierungen haben selbst jene Menschen erbittert, die des Krieges schon lange müde sind: dieses Postieren mit Toten, der Krieg mit Leichen.
SZ: Von Bassajews Tod aber gibt es keine solchen Bilder.
Abdulajewa: Aber deshalb wird die Gewalt nicht enden. Sicher, es ist ein harter Schlag für den Widerstand, aber solange die Lage so verzweifelt ist, solange Russland seine Politik nicht ändert, werden sich immer neue Kämpfe finden.
SZ: Dabei haben die militärischen Operationen in den vergangenen Monaten doch stark nachgelassen. Russlands Statthalter in Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, hat Ordnung geschaffen, sagt der Kreml.
Abdulajewa: Das ist die offizielle Propaganda. In Wahrheit regiert eine totale, allumfassende, irre Angst. Die Menschen bekommen Videos von Foltern und Hinrichtungen auf ihre Handys geschickt - unaufgefordert -, um sie einzuschüchtern. Niemand wagt es, offen zu sprechen. Es herrscht ein unwirkliches Klima in Tschetschenien - wie in einem surrealistischen Film.
SZ: Wie wird es weitergehen? Ist der Tod Bassajews nicht auch eine Chance für neue Gespräche?
Abdulajewa: Solange Putin im Kreml reagiert, wird es keinen Frieden geben.
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